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Spielzeiteröffnung Theater St.Gallen: Angst im Köfferchen

Das Theater St.Gallen eröffnet die neue Saison mit einem packenden Terror-Drama in der Lokremise: «Die Anschläge von nächster Woche». Doch Kino-Ästhetik überlagert den Inhalt.
Julia Nehmiz
Warum war Beleuchter Armin Stummer (Oliver Losehand) immer dort, wo ein Anschlag verübt wurde? Ermittlerin Göttinger (Anja Tobler) glaubt, etwas Grosses aufdecken zu können. (Bild: Iko Freese)

Warum war Beleuchter Armin Stummer (Oliver Losehand) immer dort, wo ein Anschlag verübt wurde? Ermittlerin Göttinger (Anja Tobler) glaubt, etwas Grosses aufdecken zu können. (Bild: Iko Freese)

«Willkommen, bienvenue, welcome! Fremder, étranger, stranger», singt der Magier Tartini. Und es klingt wie eine Drohung. Tartini (bei Christian Hettkamp ein unheilvoller Mephisto) spielt mit den Ängsten der Menschen, in seinen Séancen lässt er daraus wundersame Pflanzen wachsen. Und immer dort, wo ein Anschlag passiert, Paris, Nizza, Berlin, hält er sich auf. Zufall? Absicht?

Autor Thomas Arzt hat in seinem Stück «Die Anschläge von nächster Woche» das Phänomen der Angst verarbeitet. Das Auftragswerk für das Theater Heidelberg wurde 2018 uraufgeführt, am Donnerstag erlebte es am Theater St.Gallen seine Schweizer Erstaufführung.

Regisseur Matthias Rippert und Bühnenbildner Fabian Liszt haben einen Kinosaal in die Lokremise gebaut. Vor den steil ansteigenden Zuschauerreihen ein enges Rund aus deckenhohen Lamellen-Storen, in der Mitte ein Tresen. Sicher ist man nirgends, immer beobachtet und filmt jemand das Geschehen durch die Lamellen.

Videos aus dem Off: überlagerte Erinnerungen

Thomas Arzt erzählt in Rückblenden, ausgehend von einer Silvesternacht. Tartinis Beleuchter Armin Stummer trinkt alleine mit seinem Köfferchen in einer Bar, als Ermittlerin Göttinger (Anja Tobler) ihn im Auftrag des Verfassungsschutzes ausquetscht, ihm Dutzende Fotos vorlegt: Stummer war in den vergangenen zweieinhalb Jahren an jedem Ort, an dem ein Anschlag stattfand. Was hat er als nächstes geplant? Tickt in seinem Köfferchen eine Bombe?

Viele Szenen lässt Regisseur Rippert im Off spielen, von der Videokamera übergross auf die Lamellen-Storen projiziert. Ein schöner Überlagerungseffekt von Erinnerungen; Emotionen in Grossaufnahmen.

Er spielt mit den Ängsten: Christian Hettkamp (Videoprojektion) als mephistophelischer Tartini.

Er spielt mit den Ängsten: Christian Hettkamp (Videoprojektion) als mephistophelischer Tartini.

Um Armin Stummer zieht sich die Schlinge immer weiter zu. Oliver Losehand spielt das mit grosser Intensität, vom unbedarften Beleuchter, der sich über den vermeintlich tollen weil gut bezahlten Job freut, zum aggressiv-verängstigt Getriebenen, der nicht mal mehr sich selber traut. Er fühlt sich von seiner Freundin Eva (Anna Blumer) verraten und verlassen – hat Tartini sie verführt? Er fürchtet Entertainer Tartini und dessen sinistren Helfer Michailov (findet am Schluss zu diabolischer Stärke: Marcus Schäfer) mehr und mehr.

Der Text verflacht auf der Bühne unter Stereotypen

Was nach eingängigem Krimiplot klingt, ist weit mehr als ein Agenten-Thriller. «Die Anschläge von nächster Woche» ist ein Schauspiel über eine überforderte Gesellschaft, die sich der Angst ausliefert, Rückzug und Heil im Privaten sucht – wenn nicht gar bei faschistoiden Gruppen, die aus der Angst Kapital schlagen.

Trenchcoat, Handschuh, Hut: Als spielten sie in einem Kino-Klassiker (Oliver Losehand als Armin Stummer, Anja Tobler als Ermittlerin Göttinger). (Bild: Iko Freese)

Trenchcoat, Handschuh, Hut: Als spielten sie in einem Kino-Klassiker (Oliver Losehand als Armin Stummer, Anja Tobler als Ermittlerin Göttinger). (Bild: Iko Freese)

Doch in St. Gallen wird das nun alles unter nostalgischer Kino-Ästhetik begraben. Trenchcoat, Hut, Handschuhe, altmodische Wählscheibentelefone, dazu Ermittlerin und Eva als Karikaturen von Humphrey Bogart und Lauren Bacall – die überstarke Setzung eröffnet keine Assoziationsräume. Der Text von Thomas Arzt verflacht auf der Bühne unter Stereotypen.

Armin Stummer wühlt hektisch in Michailovs Rucksack, kramt rote Seilknäuel heraus und wirft sie achtlos auf den Boden. «Was war da drin?» fragt er und schaut panisch in den leeren Rucksack. Der «rote Faden» bleibt bis zum Schlussapplaus an der Rampe liegen.

So endet der Abend unentschlossen – aber sinnigerweise in völliger Finsternis. Die diffuse Angst? Steckt im Köfferchen. Die Bombe? Hat sich in Luft aufgelöst. Und Armin wünscht seiner Eva ein frohes Neues.

«Die Anschläge von nächster Woche», Theater St. Gallen, Lokremise, Vorstellungen bis 9.November 2019

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