SPIELZEIT 2017/18: Pilger, Piraten, Workaholics

Mit 23 Premieren, darunter sechs Uraufführungen, wird das Theater St. Gallen in der kommenden Saison das 50-jährige Bestehen des Neubaus im Stadtpark feiern. Die Sparte Oper setzt auf Treue, das Schauspiel auf soziale Umbrüche.

Bettina Kugler
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Der Geschäftsführer von Konzert und Theater St. Gallen, Werner Signer, mit seiner Crew: Florian Scheiber (Konzert), Peter Heilker (Oper), Beate Vollack (Tanz) und Jonas Knecht (Theater). (Bild: Hanspeter Schiess)

Der Geschäftsführer von Konzert und Theater St. Gallen, Werner Signer, mit seiner Crew: Florian Scheiber (Konzert), Peter Heilker (Oper), Beate Vollack (Tanz) und Jonas Knecht (Theater). (Bild: Hanspeter Schiess)

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Die Zukunft des Theaters St. Gallen begann vor fast fünfzig Jahren: Im Frühjahr 1968 wurde das neue Haus im Stadtpark, damals ein funktional wie architektonisch wegweisendes Gebäude, feierlich eingeweiht. Auf dem Programm stand seinerzeit Beethovens Oper «Fidelio». Auf den Tag genau fünfzig Jahre nach der Eröffnung des Neubaus, am 15. März 2018, wird das genauso sein. Otto Tausk wird in seiner letzten Saison als Chefdirigent des Sinfonieorchesters St. Gallen am Pult stehen, wenn eine Neuproduktion des «Fidelio» unter der Regie von Jan Schmidt-Garre Premiere feiert – mit aufstrebenden jungen Sängern auf der Bühne.

Das Jubiläum und die Zahl 25, respektive ihr Doppeltes, stellte Werner Signer, Geschäftsführender Direktor des Theaters St. Gallen, an der gestrigen Spielplanpräsentation in den Mittelpunkt. So wird in der kommenden Saison nicht nur das unterdessen sanierungsbedürftige Theatergebäude sein 50-jähriges Bestehen feiern, sondern auch die Genossenschaft Konzert und Theater. Die Renovation der Tonhalle liegt dann exakt 25 Jahre zurück; viele treue Abonnenten werden sich noch daran erinnern. «Das Publikum ist extrem treu, aber nicht unkritisch, und es lässt sich für neue Wege begeistern», so bilanzierte Operndirektor Peter Heilker seine Erfahrungen der vergangenen Jahre. Er stellte bereits sein zehntes Programm für das Musiktheater in St. Gallen vor. Um Treue, Untreue und Verrat wird es darin leitmotivisch gehen – keineswegs nur in der Jubiläumsproduktion «Fidelio».

«Fidelio», Belcanto-Raritäten und ein Gipfelstürmer im Musical

Zum Saisonauftakt im September wird Franz Schrekers 1918 uraufgeführtes spätromantisches Meisterwerk «Die Gezeichneten» erstmals in St. Gallen zu sehen sein. Eine «gefährlich süffige» Oper über das Auseinanderbrechen einer Gesellschaft sei es, die viel mit der Gegenwart zu tun habe, betonte Heilker. Als «Herbstschmankerl» folgen Puccinis «La Bohème» und Leonard Bernsteins Musical «On the Town», eine Co-Produktion mit dem Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz, inszeniert von Josef E. Köpplinger. Daneben gibt es Raritäten wie Frank Martins Tristan-Oratorium «Der Zaubertrank» in der Lokremise, Bellinis wenig bekannte, jugendlich-feurige Belcanto-Oper «Il pirata» und Puccinis «Edgar» als Festspieloper auf dem Klosterplatz. In der Sparte Musical konzentrieren sich die Erwartungen auf die Uraufführung des Auftragsstücks «Matterhorn» von Michael Kunze und Albert Hammond. Das Drama um den ehrgeizigen jungen Bergsteiger Edward Whymper wird der britisch-indische Filmregisseur Shekar Kapur inszenieren, bekannt geworden durch Streifen wie «Elizabeth» mit Cate Blanchett. Weiter zu sehen sind 2017/18 «Tanz der Vampire» sowie Verdis «Nabucco».

Tanzchefin Beate Vollack kündigte eine Saison der extremen Gefühle an; bis an den Rand des Abgrundes wolle sich die Tanzkompanie bewegen. Sie selbst wird zwei Uraufführungen choreografieren: zum einen die getanzte Annäherung an Robert Schneiders Erfolgsroman «Schlafes Bruder» (mit Musik der Appenzeller Geschwister Küng) im grossen Haus, zum anderen das Stück «Peregrinatio» im Rahmen der Festspiele. «Ich hatte, als ich vor drei Jahren neu nach St. Gallen kam, grossen Respekt und Scheu vor der Kathedrale. Jetzt bin ich so weit – und freue mich sehr darauf, erstmals selbst dort zu arbeiten.» Der Austausch mit Dompfarrer Beat Grögli sei intensiv und gut; darüber freut sich Beate Vollack. Neu wird sein, dass sich in «Peregrinatio» das Publikum im Raum mitbewegen und damit die Erfahrung des Pilgerns nachvollziehen wird. «Das gibt uns die Möglichkeit, an wechselnden Orten, auch solchen, die nicht immer zugänglich sind, verschiedene Perspektiven einzunehmen und die Kathedrale anders und neu zu erleben.»

Das Schauspielensemble gibt sich reiselustig

Zwei weitere Uraufführungen wird die Tanzkompanie in der Lokremise präsentieren. Einen ungewöhnlichen Abend verspricht im Oktober 2017 «Caligula» des Kroaten Ronald Savcovic, der sich in grossen Bildern auf die Spuren des berüchtigten römischen Kaisers begeben will. Im Frühjahr 2018 werden die Gewinnerkonzepte junger Choreografen zum Thema «Sieben Todsünden» gezeigt; derzeit sichtet die fünfköpfige Jury noch die eingereichten Projekte.

Ankommen: Für Schauspieldirektor Jonas Knecht und sein neu formiertes Ensemble war das die prägende Erfahrung der laufenden Spielzeit, der ersten unter seiner Intendanz. «Wir sind angekommen und immer wieder losgefahren, mit neuen Leuten, neuen Theaterformen, neuen Stücken. Das Publikum ist erfreulicherweise mitgekommen.»

Das Schauspiel wolle in einer schnellen, bewegten Welt Räume öffnen, die zum Verweilen einladen, in welchen sich Bruchstücke der komplexen Wirklichkeit zusammenfügen. Das könne im grossen Haus sein, wo Knecht selbst im September Friedrich Schillers packendes Sturm-und-Drang-Drama «Die Räuber» inszenieren will. In der Lokremise, wo Schauspiel, Kinok und Kunstmuseum für die Uraufführung eines Auftragswerks von Andreas Sauter über die Geheimorganisation P-26 zusammenspannen und mit Felicia Zellers «XFreunde» eine Bestandesaufnahme der workaholisierten Gesellschaft gezeigt wird. Oder im Container, den Knecht auf dem Lattich-Areal für diverse Formate einsetzen will. Die Reise geht in viele Richtungen: Sie erkundet die Groteske mit «Hungaricum» der Brüder Presnjakow, den Krimi mit «Matto regiert» nach Friedrich Glauser, die böse Komödie mit «Adams Äpfel» nach dem Film von Anders Thomas Jensen. Und wird Ende Mai 2018 Ödön von Horváths Volksstück «Geschichten aus dem Wiener Wald» zum Ziel haben.

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