«Spielst du Trance?»

Hans Nieswandt Als Techno-DJ tourt Hans Nieswandt rund um die Welt, als Autor beschreibt er seine schrägen Erlebnisse. Im Interview erklärt der 46-Jährige, warum er keine Laptops mag und warum es auch in Zukunft DJs braucht. Roger Berhalter

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Entspannt unterwegs: Hans Nieswandt bereist als DJ die Welt. (Bild: pd)

Entspannt unterwegs: Hans Nieswandt bereist als DJ die Welt. (Bild: pd)

Herr Nieswandt, was war Ihr schrägstes Disco-Erlebnis?

Hans Nieswandt: Die Tour durch den Nahen Osten war ultra-bizarr. Vor allem der Auftritt in Bethlehem, wo ich im Kulturzentrum der evangelischen Kirche auflegte. Wir waren in einem offenen Jeep samt DJ-Pult unterwegs, da kam es an den Checkpoints der israelischen Armee immer wieder zu abenteuerlichen Situationen. Wenn dich junge Soldaten mit geladener Waffe fragen: «Spielst du auch Trance?», dann muss man sich die Antwort genau überlegen.

In welchem Land feiern die Menschen am besten?

Nieswandt: Bei den Chinesen ist das schwer zu sagen, da sie bei meinen Auftritten von den Europäern im Publikum überragt wurden und ich sie kaum sehen konnte. In Südamerika feiern die Menschen sehr ausgelassen. Aber auch in Sibirien sind die Parties entgrenzt und wild. Dafür ist das deutsche Publikum oft sachkundiger.

Wie steht es um die Schweiz?

Nieswandt: Die Schweizer feiern auch gut! Ich komme immer wieder gerne in die Schweiz, die Nächte in der Roten Fabrik zum Beispiel sind mir in guter Erinnerung. Es gibt einige gute Labels, und die Leute schauen weit über den Tellerrand hinaus.

In Ihrem Buch «DJ Dionysos» beschreiben Sie, wie ein Theaterdirektor Sie für eine moderne Inszenierung von «Romeo und Julia» gewinnen will – in völliger Unkenntnis dessen, was ein DJ so macht. Wieder so eine bizarre Situation…

Nieswandt: Vielleicht ziehe ich sie ja tatsächlich an. Es liegt aber auch daran, dass ich schreibe. Reibungslose Auftritte kommen in meinen Büchern nicht vor, sondern nur solche, die schief gehen. Das gibt mehr her.

Auch bei Ihrer Hauptfigur Dennis geht einiges schief. Sie beschreiben ihn als naiven DJ-Neuling, der sich vor allem für seine Frisur und kaum für die Musikgeschichte interessiert. Rechnen Sie hier mit Ihren jüngeren Kollegen ab?

Nieswandt: Nein, so ist das nicht gemeint. Vielmehr steckt in DJ Dionysos viel von mir selber. Auch ich war früher viel eitler und egozentrischer als heute. Viele junge DJs sind vor allem mit sich selber beschäftigt. Aber irgendwann überwiegt das musikhistorische Interesse.

Ihr Buch handelt auch vom «Clash der Techniken» am DJ-Pult. Kämpfen dort wirklich Vinyl gegen MP3?

Nieswandt: Es ist üblich geworden, dass bei laufendem DJ-Betrieb Computer angeschlossen und Kabel gezogen werden. Das führt fast immer zu Problemen. Ich musste schon eine Stunde länger spielen, nur weil der DJ nach mir zuerst noch seinen Computer hochfahren musste. Das ist ärgerlich. Ich bin nicht technikfeindlich, ich hock ja selber den ganzen Tag vor dem Computer. Aber ich mag meinen Rechner nicht in die Disco schleppen.

Immer mehr DJs legen mit dem Laptop auf, Sie selber bleiben beim Vinyl. Warum?

Nieswandt: Ohne Vinyl verliert das Auflegen seinen Zauber und die Besonderheit. Beats zu mixen ist wie Seiltanzen, da ringt ein Mensch mit der Materie, Unsauberkeiten gehören dazu. Mit dem Laptop wird's oft steril. Ausserdem ist dieses Auf-den-Bildschirm-Gestarre nicht sexy.

Mit einem Computer und dem richtigen Programm kann heute jeder DJ werden. Richtig?

Nieswandt: Nur bedingt. Ein guter DJ mit gutem Handwerk, das ist nicht dasselbe wie einer, der sich gute Tracks runterlädt und diese automatisch mixen lässt. Heute kann man sich ganze Musikarchive in einer halben Stunde auf die Festplatte ziehen. Das ist eine Entwertung und Profanisierung, die ich bedenklich finde.

Warum? Das fördert doch Ihren Berufsstand.

Nieswandt: Ich habe immer viel Geld für Platten ausgegeben und meine Priorität im Leben so festgelegt. Heute haben viele DJs keine vertiefte Kenntnis von Musik mehr. Aber bevor ich zu dogmatisch werde: Wir sind ja nicht am Ende einer Entwicklung. Ob Platte oder MP3, die Musikgeschichte wird weitergehen.

Braucht es den DJ auch in Zukunft noch?

Nieswandt: DJs leisten einen wertvollen Sozialdienst. Ich sehe jedes Wochenende, wie gut die Musik den Menschen tut. Der DJ ist das Medium, er sorgt für das Seelenheil, das hat fast etwas Priesterliches. Es ist wünschbar für die Menschen, dass es DJs gibt. Damit die Erde, vielleicht, ein bisschen besser wird.

Hans Nieswandt: DJ Dionysos, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010, Fr. 14.50