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Ein Film auf den Spuren von J.R.R. Tolkien: Wie geschrieben, so gelebt

Was beschäftigte den Autor von «Der Herr der Ringe»? Wie tickte er? Der biografische Spielfilm «Tolkien» liefert wenig inspirierende Antworten.
Lory Roebuck
Nicholas Hoult in der Rolle von Tolkien. (Bild: Fox Film)

Nicholas Hoult in der Rolle von Tolkien. (Bild: Fox Film)

Sein aufopferungsvoller Gehilfe heisst Sam. Genau wie der aufopferungsvolle Gehilfe in «Der Herr der Ringe». Schauplatz ist aber nicht etwa Mittelerde, sondern die Schlacht an der Somme im Ersten Weltkrieg. Und der Filmheld ist nicht der leidgeprüfte Hobbit Frodo Beutlin, sondern dessen leidgeprüfter Erfinder: «Der Herr der Ringe»-Autor John Ronald Reuel Tolkien, der 1916 als Leutnant an der französischen Front war.

"Das Buch handelt nur von sich selbst"

Wie stark haben sich Leben und Werk des britischen Schriftstellers und Philologen überschnitten? In einem Interview im Jahr 1968 meinte Tolkien dazu: «Das Buch handelt nur von sich selbst. Es hat keine allegorischen Absichten, weder moralisch, religiös noch politisch. Es handelt nicht vom modernen Krieg.»

Der neue biografische Film «Tolkien» stellt trotzdem Verbindungen her. In der Anfangsszene etwa, als ein erschöpfter Tolkien (Nicholas Hoult) durch die Schützengräben stolpert. Und im schwarzen Rauch am Horizont einen feuerspeienden Drachen zu sehen glaubt. Etwas später imaginiert er auch einen edlen Ritter, der die Truppen des Deutschen Kaiserreichs mit einem Schwert niederstreckt. Nein, subtil inszeniert ist «Tolkien» nicht. Der finnische Regisseur Dome Karukoski ist aber auch nicht zu beneiden. Schliesslich muss Tolkiens Leben auf der Leinwand mindestens so aufregend wirken wie seine Fantasyromane.

Ein Schüler mit Sprachtalent

Dessen Biografie gibt da ja durchaus einiges her: Tolkien wurde 1893 in Südafrika geboren. Als er mit drei Jahren auf Familienbesuch in England weilte, starb sein Vater. Seine Mutter konvertierte zum Katholizismus und erzog ihre beiden Söhne entsprechend, sie lebten in einem idyllischen Vorort von Birmingham (im Film ein Ebenbild des Auenlandes). Tolkien war 12, als auch seine Mutter starb. Er kam in die Obhut eines Priesters, der vor allem um die gute Schulbildung des Sprachtalents bemüht war und ihn bei einer befreundeten Pensionswirtin unterbrachte, wo er seine spätere Ehefrau Edith, ebenfalls Waise, kennen lernte.

Der Film springt nun umher zwischen Szenen an der Front, wo der etwas ältere Tolkien nach seinem Kameraden Geoffrey Bache Smith sucht, und Szenen an der King Edward’s School, wo sich der jüngere Tolkien mit Bache Smith und zwei weiteren Schülern erstmals anfreundet. In der Kameradschaft dieser vier jungen Männer glaubt «Tolkien» den Ursprung der berühmten Gefährten in «Der Herr der Ringe» ausgemacht zu haben. Eine nette Idee, die aber nicht wirklich ausgearbeitet wird. Wir sehen, wie aus dem Quartett eine Art Geheimbund wird – mit Ambitionen, dereinst «die Welt zu verändern». Dass unter ihnen einzig Tolkien das Zeug dazu hat, scheint aber allen immer klar zu sein.

Eine fast religiöse Naturverbundenheit

Mehr Aufmerksamkeit widmet «Tolkien» der Liebesbeziehung zwischen den beiden Waisenkindern. Wir sind dabei, wenn Tolkien und Edith (Lily Collins) bei ihrem ersten Date in einem vornehmen Tea House Leuten Zuckerwürfel nachwerfen und wenn sie am Besuch einer Wagner-Oper gehindert werden. Doch Dialoge wie «Wer will sich schon ein dreistündiges Epos über die Suche nach einem Ring ansehen?» sind dann noch einfallsloser als Drachenerscheinungen im Schützengraben und Gehilfen namens Sam.

Einen glaubwürdigeren Einblick in Tolkiens Seelenleben erhalten wir, als er den lichtdurchfluteten Wald aus seiner Kindheit aufsucht, zunächst mit Edith, später auch mit ihren drei gemeinsamen Kindern. Es sind ruhige, kontemplative Szenen, in denen Tolkiens quasireligiöse Naturverbundenheit, die sich auch durch sein gesamtes Werk zieht, spürbar wird.

Kein Besuch im Lauterbrunnental

Umso bedauerlicher deshalb, dass eine wichtige Station aus Tolkiens Leben im Film nicht vorkommt: seine Wanderung 1911 mit Bache Smith und weiteren Studienkollegen durch das Berner Oberland. Was Tolkien damals im Lauterbrunnental sah, hat nachweislich das von Elben bevölkerte Bruchtal in «Der Herr der Ringe» inspiriert.

Wer weisst: Vielleicht hätte auch der Regisseur von einem Dreh in einer derart malerischen Umgebung profitiert. Der echte J. R. R. Tolkien mag auf einen unversieglichen Quell an Inspiration zurückgegriffen haben – der Kinofilm «Tolkien» zapft höchstens einen Tropfen davon an.

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