Spielen, bis es kein Spiel mehr ist

Die Meldung könnte gerade jetzt in einem ungemütlichen Hotelzimmer oder der Nachbarwohnung so ähnlich über den Bildschirm flimmern: «... hat Neues im Fall Kudelka zutage gebracht. Der Entführer handelt offenbar allein, Komplizen konnten bis jetzt keine ermittelt werden.

Bettina Kugler
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Die Meldung könnte gerade jetzt in einem ungemütlichen Hotelzimmer oder der Nachbarwohnung so ähnlich über den Bildschirm flimmern: «... hat Neues im Fall Kudelka zutage gebracht. Der Entführer handelt offenbar allein, Komplizen konnten bis jetzt keine ermittelt werden. Es handelt sich um einen jungen Mann mit unauffälliger Vergangenheit...»

Als Lesende des neuen, nunmehr dritten Romans von Jens Steiner stehen wir zu diesem Zeitpunkt schon ein Weilchen nervös und unschlüssig mit diesem jungen Mann hinter einem muffigen Vorhang die Beine in den Bauch und überlegen krampfhaft, was der nächste Zug sein könnte. «Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit» zettelt ein raffiniertes literarisches Verwirrspiel an, das auf den ersten Blick auch eine triviale Kriminalkomödie sein könnte. Doch Steiner wäre nicht er selbst, wenn er nicht mehr wollte, als uns so lange wie möglich an der Nase herumführen und damit gut unterhalten.

Kann ich wollen, was ich will?

Diesmal tastet er sich an Schopenhauer heran. «Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber kann nicht wollen, was er will», stellt er als Motto voran. Was zu beweisen sein wird: mit einer spannend-witzigen Verfolgungsgeschichte voller Denkfallen. Zwei Freunde, die mässig motivierten Philosophiestudenten Magnus und Paul, hecken einen immerhin politisch motivierten Bubenstreich aus: Sie legen beim Auftritt des selbstherrlichen Medienzars Kudelka an der Uni die Tonanlage lahm. Freilich läuft die Sache aus dem Ruder.

Die Polizei tritt auf den Plan, fahndet nach Paul, europaweit. Die Flucht führt nach Marseille und schliesslich an eine abgelegene Bucht an der Westküste Korsikas. Detektivisches Gespür ist auch bei der Lektüre gefragt.

Das Spiel von Vermutungen und Täuschungen gehört zu Steiners Erzählstrategie; das war schon in «Carambole» der Fall, für das er vor zwei Jahren den Schweizer Buchpreis erhielt. Ebenso vertraut ist, was sich allmählich als grosses Thema hinter der philosophischen Versuchsanordnung abzeichnet: die Verstrickung in vermeintlich gekappte Familienbande. Die Übermacht des unbekannten, abwesenden Vaters.

Tiefsinn einer Entführung

In «Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit» haben zudem «die Medien» (wie sich herausstellen wird: ein Wirklichkeitserfindungstrust) alle Fäden in der Hand. Bis Paul, aus dessen eingeschränkter Perspektive konsequent erzählt wird, bereit ist, für einmal entschlossen zu handeln und den Spiess umzudrehen. Aber auch hier bringt Steiner Schopenhauer ins Spiel. «Ich blicke auf meine Hand, die über der Türklinke schwebt, und flüstere ihr zu: Du weisst es! Entscheide du für mich!»

Spätestens hier wissen wir, dass sich die Hand für den richtigen Roman entschieden hat.

Jens Steiner liest am 19.3. an der HSG, 19.30 Uhr.

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