Spiel im Spiel im Spiel

Bastian Kraft verwandelt Jean Genets «Die Zofen» mit grossartigen Schauspielerinnen am Zürcher Pfauen in einen Schwarz-Weiss-Film und einen Theaterabend der Spitzenklasse.

Valeria Heintges
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Olivia Grigolli als Solange und Lena Schwarz als Claire. (Bild: Toni Suter/Schauspielhaus)

Olivia Grigolli als Solange und Lena Schwarz als Claire. (Bild: Toni Suter/Schauspielhaus)

In Jean Genets «Die Zofen» spielen zwei Schwestern, wie sie sich aus der Abhängigkeit befreien. Alltäglich schlüpfen sie in die Rolle von Dienerin und Herrin, Solange spielt ihre Schwester Claire, und Claire gibt die gnädige Frau. Jeden Tag spielen sie, dass sie ihre Herrin umbringen – aber in Wirklichkeit tun sie es nie. Versuche scheiterten bisher. Das einzige, was Claire schafft, ist es, in falschen Briefen den Hausherrn zu verleumden und ins Gefängnis zu bringen.

Vergifteter Lindenblütentee

An diesem Tag soll alles anders werden, die Herrin soll vergifteten Lindenblütentee bekommen und daran sterben. Doch da erfährt sie – zu früh – dass ihr Mann längst wieder aus dem Gefängnis entlassen wurde. Sie verschwindet, ohne den Tee zu trinken. Was jetzt?

Bastian Kraft macht aus diesem Herrin-Dienerinnen-Spiel im Spiel im Spiel am Pfauen des Zürcher Schauspielhauses eine phänomenale Orgie in Schwarz-Weiss (und ganz wenig Rot). Und einen Theaterabend, der mit grossartigen Schauspielerinnen glänzt und seine Mittel genial einsetzt. Zu Beginn wird auf eine grosse Leinwand geschrieben: «Jean Genet Die Zofen». Und dann beginnt er, der Film, in dem die beiden Zofen ihr Rollenspiel aufnehmen – nichts Besonderes im Zeitalter 2.0.

Einen Schwarz-Weiss-Film kriegt das Publikum zu sehen, in dem die beiden Dienerinnen aussehen wie Liza Minelli und das ganze Setting wie ein Nouvelle-Vague-Film. Doch auch die Bühne, die allmählich durch die Leinwand hindurch zu sehen ist, ist ganz in Schwarz-Weiss. Schwarz sind die Dienerinnen, ihre Pagenköpfe, ihre geschminkten Augen, ihre irre hohen Schuhe. Weiss ist alles andere: das Zimmer der Herrin, ihr Bett, die Wand, der Tisch, der Schrank, der Spiegel. Und natürlich auch sie selbst wird weiss sein. Als Lichtgestalt, als ätherische Schönheit spielt sie Susanne-Marie Wrage, eine Herrin, die nur in bissig gestellten Fragen und fordernden Pausen zeigt, wie verletzend sie sein kann.

Tot im Spiel. Oder doch in echt?

Und dann ist sie also weg, der kalt gewordene Tee steht achtlos da. Was machen die Schwestern? Sie spielen wieder, diesmal ermordet Solange als Claire die gnädige Herrin. Danach nimmt sie einen grossen Farbeimer und streicht die Wände schwarz. Auch die Lilien, die Blumen der Unschuld, landen im Farbbad. Alles wird schwarz, ist dreckig, wie die Küche, mit der die feine Herrin nichts zu tun haben will. Jetzt ist er überall, der Dreck der beiden Domestiken. Und die übriggebliebene Zofe erzählt, was sie dem Inspektor sagen wird. Und wie sie auf das Schafott steigt. Aber dann wacht die Schwester wieder auf, es war ja nur ein Spiel. Aber sie hat Durst, verlangt nach Tee – und wird vergiftet. Auch der Tee ist übrigens schwarz.

Ein grossartiges Spiel um Spiel und Realität, um Macht und Unterwerfung zeigt Bastian Kraft auf der Bühne, mit einer faszinierenden Lena Schwarz als Claire und einer umwerfenden Olivia Grigolli als Solange. Wie die beiden die Worte im Mund kneten und einander oder ihrer Herrin vor die Füsse spucken – das ist allerhöchste Kunst.

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