Spieglein, Spieglein an der Wand

Auf Mark Staff Brandl folgt als fünfte Kunstschaffende in St. Mangen die in Winterthur lebende Künstlerin Katharina Henking. Sie bespielt den Kirchenraum mit einer grossflächigen Papierschnitt-Installation.

Brigitte Schmid-Gugler
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Die Künstlerin Katharina Henking tanzt vor «ihrem» Spiegelbild. (Bild: Michel Canonica)

Die Künstlerin Katharina Henking tanzt vor «ihrem» Spiegelbild. (Bild: Michel Canonica)

Aspektivisch müsste man den Blick benennen, der sich nicht nur ausrichtet, sondern sich dreht und wendet, sich weitet und gleitet in Zeit und Raum. In der Mitte das bunte Mosaikfenster des verstorbenen St. Galler Künstlers Fredi Kobel, der vor vielen Jahren an der Schule für Gestaltung Katharina Henkings Lehrer war. Seitlich stehen die Kirchenbänke, auf dem ersten liegt die Bibel, aufgeschlagen ist Kapitel 37: Jeremia wird geschlagen und gefangen und schliesslich in eine Grube geworfen. Um Überzeugung, um Macht und Unterwerfung ging es schon zu seiner Zeit. Auch an diesem Ort der Einkehr und des Wort Gottes wurde gemordet – Wiboradas Klause erinnert daran. Nicht weit vom kleinen quadratischen Gitter entfernt wuchert Katharina Henkings Papierinstallation aus der Mitte heraus gegen die Seitenwände. Riesige Phantasiegewächse, romantisch-märchenhaft oder womöglich auch schauderhaft verändert, (gen-)manipuliert, dem Labor entschlüpft und sich über Landschaften ausbreitend wie aggressive Neophyten an Orten, wo sie nicht hingehören und alles andere zu ersticken drohen. Wie missionarische Lehren und deren Verkünder, wie Kriegsherren und deren Gelüste.

Der Tanz durch Zeit und Raum

Zwischen die Gewächse setzt Henking einen Panzer und über ihn, als wär's eine harmlose Flugschau, eine Reihe von auf- und absteigenden Gripen im Bogen seitlich zu Kobels Fenster, welches für Licht und Versöhnung steht. Der «aufgefaltete» Schnitt erklärt die Vielschichtigkeit von Welt als Tanz zwischen Religion, Kulturgeschichte und Science fiction-Szenen. Im «Spiegel» der Bildmitte hält eine Frau in historischer Robe ein Gewehr in der Hand; dazwischen steht ein Galgen, hohe Bäume verheissen Idylle, auf der Höhe des Wurzelstocks wiederum schwingen gehörnte Wesen ihre Keulen zum Angriff. Zwei Vögel sind wie die letzten Überlebenden einer längst ausgestorbenen Spezies in runden Tableaus vom übrigen Geschehen separiert und scheinen sich in luftiger Höhe um die bedrohlichen Zeichen der Zeit zu foutieren. Die Bühne ist hier Kirche; die Kirche die Bühne für «Das Ganze», welches Ivo Ledergerber an der Vernissage «verdichtete»: «Wenn meine Augen/das Ganze sähen/ nur das Ganze/und nicht erkennten/ die Spiegelung/ wäre das ein Gewinn/hülfe/endlich zu kapieren/ das System des Ganzen/ links und rechts/ wäre eins/oben und unten eins/ vor solch unerhörter Harmonie/könnt einem schwindlig werden/oder angst/ oder/aufdämmern/ das wär es ja/ tatsächlich ist es so gedacht/ wer aber hat das inszeniert.»

Das «Ganze» durchschneidet als konturierter Bildstoff das Weiss der Kirchenwände. Als ob die Figuren schwarze Löcher gefräst hätten, als ob wir hindurchsehen könnten, hinaus in die gegenwärtige Wirklichkeit.

Von Wand zu Welt

Vor zwei Jahren hatte die Künstlerin für eine Ausstellung im Welschland einige wenige Elemente dieses hier weiterentwickelten Bildes erstmals gezeigt. Damals adaptierte sie eine Wandmalerei aus dem 17. Jahrhundert und schnitt die Motive weiter zu einem aktuellen Stoff, der wie in St. Mangen assoziativ mit der Geschichte des Ortes und einer aus den Fugen geratenen (Welt-)Ordnung verschmilzt. «Spiegelbild» heisst ihre Installation – je nach Perspektive trifft's das eigene.

Bis 29. November, Kirche St. Mangen; 9 bis 18 Uhr