Literatur: In neun Erzählungen um die Welt

Viola Rohner schaltet im Erzählband «42 Grad» Schicksale parallel, verwischt dabei alle Grenzen und verweigert sich einfachen Antworten.

Valeria Heintges
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Viola Rohner:  42 Grad, Erzählungen, Lenos-Verlag, 227 S., Fr. 30.–

Viola Rohner:
42 Grad, Erzählungen, Lenos-Verlag, 227 S., Fr. 30.–

In neun Erzählungen reist Viola Rohner um die Welt. Eine Lesung in Zürich in «Eine Autorin und ein Autor», australische Wüste in «42 Grad», Milieu von Expats in Amerika in «Happy Halloween» und zwei Frauen ebendort in «Nach Moskau». Es könnte luxuriös klingen, was da angeschlagen wird.

Aber der Erzählstil der 56-jährigen Autorin, die bisher Romane und Erzählbände veröffentlicht hat, ist so konzentriert, so ohne jeden Schnörkel, so fokussiert auf ihre Protagonisten und das Geschehen, in das sie sie wirft, dass sich jeder Gedanke von Luxus verbietet. Auch der Umfang der Geschichten ist karg, oft so überraschend kurz, dass man sich beim Lesen des letzten Wortes verwundert zurücklehnt und sich fragt, ob man etwas verpasst hätte. Verpasst wohl nicht, aber zu schnell gelesen.

Rohner verlangt den aufmerksamen, genauen Leser, der Spass hat am beinahe detektivischen Erspüren der Details, die es in sich haben.

Dabei variiert Rohner das Motiv des Spiegels und des Sich-Spiegelns konsequent. In der ­Titelgeschichte «42 Grad» etwa fährt ein Mann immer wieder an einer Frau vorbei, die ein Loch gräbt. Beide begleiten einen Sterbenden. Sie ihren Vater, er seinen Terrier. Beide befolgen nicht die Ratschläge, die andere ihnen geben, beide setzen die Pflege eines Kranken vor Bequemlichkeit.

Verwischte Grenzen zwischen Spiel und Ernst

In «Happy Halloween» hingegen wird das Leben der Eltern in dem der Kinder gespiegelt. Die einen verkleiden sich für Halloween, als Hexen, als Zombies, als Dracula. Aber einer geht als Henker, die Gäste verlangen unisono die Todesstrafe für ein Paar, das sein Kind zu Tode misshandelt hat. Am Ende stellt sich heraus: Die Mutter des Kindes hat sich lange vor der Festnahme versteckt. Ausgerechnet auf dem Spielplatz der Kinder.

Viola Rohner verwischt die Grenzen zwischen dem Spiel der Erwachsenen und dem bitteren Ernst für die Kinder (oder war es doch andersherum?), zwischen falscher Sicherheit und richtiger Angst (oder war auch das andersherum?), zwischen ehrlicher Wut und billiger Menschenverachtung.

Ihre Sprache wird nie zum meisterlichen Instrument

Es ist nicht der Schein, der zählt. Aber noch immer gilt: Was man nicht hat, hätte man gerne. So wie die «Drei Schwestern» bei Anton Tschechow sehnsüchtig ihr «Nach Moskau, nach Moskau» wiederholen, bis es erst zum Mantra, dann zum gleissenden Pol wird, der die Sicht aufs Leben verstellt, so werden auch Anja und Isabel blind für die Realitäten, sehen sie nur noch ihr eigenes, kleines Leben, merken sie nicht, dass für die Freundin gerade die Welt entweder aufgeht oder zusammenbricht.

Ist es besser reich zu sein oder arm, erfüllender ein Kind zu haben oder Single zu sein, interessanter zu Hause zu bleiben oder in der Welt herumzureisen und die Länder auf der Weltkarte abzuhaken?

Viola Rohner verweigert sich konsequent dem simplen Schwarz-Weiss und gibt nie einfache Antworten, aber sie stellt Fragen, die uns umtreiben.

Schade nur, dass sie dabei die Sprache zwar feilt und bearbeitet, aber dass sie letztlich Mittel zum Zweck bleibt und nur selten zum gekonnt gespielten und nie zum meisterlich klingenden Instrument wird.