Spekulieren erlaubt

Literatur Wer erhält am Sonntag den Schweizer Buchpreis? Eines ist sicher: Noch nie waren die fünf Bücher auf der Shortlist so unterschiedlich. Anna Kardos

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Thomas Meyers Buch ist bestimmt der witzigste Anwärter auf den Schweizer Buchpreis. (Bild: Nicolas Y. Aebi)

Thomas Meyers Buch ist bestimmt der witzigste Anwärter auf den Schweizer Buchpreis. (Bild: Nicolas Y. Aebi)

Wenn es beim Schweizer Buchpreis einen roten Teppich gäbe, er würde jetzt ausgerollt. Denn am Sonntag verleiht die hiesige Buchwelt ihren «Oscar». Vor fünf Jahren haben «Literatur Basel» und der Schweizerische Buchhändler- und Verlegerverband (SBVV) den Schweizer Buchpreis ins Leben gerufen, der allerdings schon in finanziellen Nöten steckt.

Eine paradoxe Situation

Dieses Jahr konnte die von 60 000 Franken auf die Hälfte geschrumpfte Preissumme nur dank eines privaten Sponsors wieder auf 40 000 angehoben werden. Gleichzeitig hat das Bundesamt für Kultur (BAK) bis Ende Jahr 800 000 Franken zu vergeben und weiss nicht, wohin damit. Eine paradoxe Situation. «Literatur Basel» und der SBVV haben dem BAK nun zum wiederholten Mal eine Zusammenarbeit vorgeschlagen. Die definitive Antwort des Bundesamtes steht laut Hansgeorg Signer, Präsident von «Literatur Basel», noch aus.

Und doch darf der Buchpreis als der renommierteste Schweizer Literaturpreis gelten. Warum? Weil er ein herausragendes Buch prämiert, weil er den Gewinner auf Lesetour schickt und weil er die Verkaufszahlen deutlich ankurbelt. Der «Literatur-Oscar» ist also nichts für die Vitrine, sondern trägt seine Hemdsärmel lieber hochgekrempelt.

Spekulieren erlaubt

Auch den roten Teppich können Sie getrost wieder vergessen. Denn die schillernde Auszeichnung mit dem sachlichen Namen wird im Theater Basel vor ebenso sachlichen Stellwänden verliehen. Nur getuschelt und spekuliert wird im Vorfeld ähnlich hitzig wie bei der kleinen Statue aus Hollywood. Und nichts anderes soll auch hier geschehen. Die Argumente sind so hieb- und stichfest, wie sie bei einer Spekulation nur sein können. Die Methoden? Die fünf Finalisten treten einzeln an. Aber beim leisesten Aber scheidet das Buch aus.

Den Anfang macht «der beste Schriftsteller der Schweiz» (so der deutsche Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki): Peter von Matt mit seiner Essaysammlung «Das Kalb vor der Gotthardpost». Von Matt hätte jeden Preis verdient, aber sein Buch besteht bis auf den ersten Essay aus Zweitabdrucken. Und da war es schon, das Aber.

Sibylle Berg hat im Sommer einen Roman vorgelegt, der durch seine Thematik (Transgender, DDR) und seinen Protagonisten berührt. Aber er zeichnet zu sehr Schwarz-Weiss und lässt Zwischentöne vermissen.

Ähnlich geartet ist das Aber bei Alain-Claude Sulzers «Aus den Fugen». Der Roman ist virtuos aus verschiedenen Erzählsträngen komponiert, die sich in der Mitte treffen. Aber der Autor opfert seiner grossartigen Formidee zu viel, die Textur der einzelnen Erzählstränge ist allzu oberflächlich gewoben. Immerhin: Gäbe es den «Schweizer Formpreis», er wäre Sulzer gewiss.

Favoritin ohne Wenn und Aber

Bleiben noch Thomas Meyer und Ursula Fricker. So virtuos wie behutsam jongliert die Schaffhauserin in ihrem Roman «Ausser sich» mit den Themen Tod, Leben – und dem Bereich dazwischen. Ein Buch also ganz ohne Wenn und Aber. Eines, das den Preis gewinnen könnte und vielleicht auch wird.

Falls, ja, falls nicht ein leises Schmunzeln die Jury ausser Gefecht setzt. Ein Schmunzeln über so viel Selbstironie, Witz und liebevolle Familiendarstellung, wie sie einem schon lange nicht mehr aus einem Buch entgegengeschwappt ist.

Die Selbstfindung mit Matzen, jüdischer «mame» und Mobiltelefon ist Thomas Meyers Beitrag zum Schweizer Buchpreis. Und er ist ganz bestimmt der witzigste der Kandidaten. Aber ob die Jury so viel Humor hat?

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