Skulpturen-Biennale: Spaziergang durch echte und durch verlorene Paradiese

Mit «Paradise, lost» lädt der Kulturort Weiertal zur 6. Skulpturen-Biennale. Der Ausflug in einen speziellen Kultur-Garten lohnt sich.

Martin Preisser
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Zarter Tropfen (Melli Ink, "Crying Cloud"), trifft schwere, verträumte Figur (Christopher T. Hunziker, "Sleeping Sculpture"). Bild: Martin Preisser

Zarter Tropfen (Melli Ink, "Crying Cloud"), trifft schwere, verträumte Figur (Christopher T. Hunziker, "Sleeping Sculpture"). Bild: Martin Preisser

Im üppigen, lesenswerten Ausstellungskatalog zu «Paradise, lost» fordert der Kurator der 6. Biennale Weiertal, Christoph Doswald, wieder mehr Pathos in der Kunst, auch als «Absage an die etwas blutleere Coolness und Nonchalance» der Kunst der letzten Jahrzehnte. Er diagnostiziert in Zeiten starker Kommerzialisierung von Kunst auch einen «Verlust an romantischer Energie, ein Verdrängen idealistischer Möglichkeitsformen».

Erfreulich wenig Angst vor romantischer Energie haben viele der 25 Kunstschaffenden der neuen Weiertal-Schau. Zum Träumen von den Möglichkeiten, die Kunst und Leben bereit halten, lädt Martin Senn mit seinem Fortbewegungsmittel aus Velo, Surfbrett und Wohnmobil ein. Da steckt auch viel Kindheitsreminiszenz dahinter.

Eines der "Wolpertika"-Ungeheuer von Maja Hürst (vorne: "Spirit Level" von Vanessa Billy). Bild: Martin Preisser

Eines der "Wolpertika"-Ungeheuer von Maja Hürst (vorne: "Spirit Level" von Vanessa Billy). Bild: Martin Preisser

Der Katalog (mit dem schönen, verträumten Essay «Im Wald» von Peter Stamm) fragt alle Weiertal-Bespielenden nach ihrer Idee von (persönlichem) Paradies. Viele Antworten unterstreichen beruhigend das «Einfache». Beni Bischof, der in der Ausstellung grossformatig mit «The end is near» warnt, nennt unberührte Natur und unbegrenzte Zeit als persönliche Paradieselemente.

Paradies heisst: «Nichts anderes mehr zu wollen»

Maja Hürst, vertreten mit bedrohlichen Wasser- Luft- und Erde-Fabelungeheuern, ihren "Wolpertika", will einfach «zufrieden sein wo und mit wem ich gerade bin». Melli Ink verbindet das Zarte (mit ihren poetischen Wassertropfen) mit schweren industriellen Betonformen, die durch die farbigen Bearbeitungen wiederum leicht wirken. «Nichts anderes mehr wollen», lautet ihre persönliche Paradiesformel.

Der St. Galler Bildhauer Peter Kamm ist mit einer seiner unverwechselbaren Arbeiten aus Sandstein vertreten. «Staubrinnen-Flosse» heisst sie und ist, ganz Peter Kamm, still eingebettet in der Natur des Weiertals, so organisch sich eingliedernd wie deutlich sich heraushebend. «Leben zu dürfen» bedeutet für Kamm ganz schlicht Paradies.

"Staubrinnen-Flosse" des St. Galler Künstlers Peter Kamm. Bild: Martin Preisser

"Staubrinnen-Flosse" des St. Galler Künstlers Peter Kamm. Bild: Martin Preisser

Die Natur als bedrohtes Paradies

Wir leben in Zeiten, in denen Paradiese verloren gehen, in denen für viele Paradiese nur noch schwer möglich sind. Den Kunstschaffenden im (dieses Jahr von der Stadt Winterthur mit einem Kulturpreis ausgezeichneten) kleinen Paradies Weieral gelingen Einladungen an den Betrachter, sich an eigene Paradiese zurückzuerinnern oder sie wieder neu zu erträumen. Sie erinnern aber auch an zerbrechliche Konzepte, an Gefährdungen, denen die Natur (als nur ein Paradies) ausgesetzt ist.

Witzige, manchmal rätselhafte Skulpturen, aber auch verspielte Land Art prägen die Biennale. Interventionen im grossen Park laden zum Verweilen, Träumen, Nachdenken, zur Freude und zur Trauer ein. Ein heiliger Ort soll dieses Kunstgelände sein. Künstler Mirko Baselgia jedenfalls ermuntert am Eingang zum bewussten Schwellengang.

Hinweis

Bis 8.9. Mi–Sa 14–18 Uhr, So 11–17 Uhr, Biennale Kulturort Weiertal, Winterthur-Wülflingen, Rumstalstrasser. 55, skulpturen-biennale.ch