SOZIALKRITIK: Dem Menschen nahe – also der Wahrheit

Danny Lyon ist ein engagierter und scharfer Beobachter. Dem amerikanischen Fotografen und Filmer widmet das Fotomuseum Winterthur eine umfassende Retrospektive.

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Danny Lyon: Crossing the Ohio River, Louisville, 1966. (Bild: Danny Lyon/Magnum Photos, Courtesy Gavin Brown’s Enterprise)

Danny Lyon: Crossing the Ohio River, Louisville, 1966. (Bild: Danny Lyon/Magnum Photos, Courtesy Gavin Brown’s Enterprise)

Fotografen wie Walker Evans und Robert Frank haben es dem heute 75-jährigen Danny Lyon vorgemacht: nahe herangehen, kritisch hinsehen, teilnehmen. «Wir sind die sehenden Blinden», hat Danny Lyon Ende der Sechzigerjahre in sein Tagebuch geschrieben, und das erste Bild im umfangreichen Katalog zeigt drei Schwarze vor einer ramponierten Wand, die Gesichter verhüllt mit Tüchern und Masken. Auch so sah und sieht Amerika aus – das Amerika der Abgehängten, der Randgruppen und Subkulturen. Ihnen gibt der New Yorker Fotograf und Filmer Danny Lyon seit über fünfzig Jahren ein Gesicht. Die umfassende Retrospektive «Message to the Future» ist erstmals in Europa zu sehen.

1962, Danny Lyon ist erst 20, reist er nach Cairo, Illinois, und hält seine erste Demonstration fotografisch fest. Er wird offizieller Fotograf einer wichtigen Organisation der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, zeigt die Gewalt zwischen Demonstranten und der Südstaatenpolizei.

Anwartschaftlicher ­Journalismus

Jahre später, 2011, dokumentiert Danny Lyon die Occupy-Bewegung in New York oder Los Angeles und schlägt einen Bogen zurück zu seinen Anfängen. Dazwischen liegen Aufnahmen der Motorrad-Gang Chicago Outlaws, Porträts von Häftlingen in Texas oder die Zerstörung von Lower Manhattan, wo später das World Trade Center hinkommt. Seine Aufnahmen sind ikonische Zeugnisse der USA abseits von Glanz und Gloria. Danny Lyon wollte stets den Menschen nahekommen, nicht nur körperlich und emotional– auch in Kolumbien, Bolivien, Haiti, China.

«Langsam ist mir die Bedeutung des Wortes Imperialismus klar geworden», schrieb Danny Lyon 1977. «Als Bürger der Vereinigten Staaten muss ich meine Arbeit ihren Feinden widmen, den Guerillakämpfern und studentischen Befreiern. Vor allem aber möchte ich meine Arbeit der Befreiung meiner Landsleute widmen, indem ich ihnen die Wahrheit vermittle.»

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Fotomuseum Winterthur; bis 27.8. Di–So 11–18, Mi 11–20 Uhr

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