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Interview

Simon Enzler im Kleintheater Luzern: «Souveräne Typen sind Gift für Humor»

Simon Enzler verkörpert auf der Bühne mit bissiger Ironie den cholerischen Bünzli. Manche Appenzeller sehen in ihm deshalb einen Nestbeschmutzer. Jetzt kommt er mit seinem Programm «Wahrhalsig»ins Luzerner Kleintheater.
Hansruedi Kugler
Simon Enzler: «Der Alltagsmensch wälzt seit Urzeiten dieselben Probleme.» (Bild: Urs Bucher (Schlatt-Haslen, 8. Februar 2019))

Simon Enzler: «Der Alltagsmensch wälzt seit Urzeiten dieselben Probleme.» (Bild: Urs Bucher (Schlatt-Haslen, 8. Februar 2019))

Sönd wöllkomm!, steht beim Restaurant Anker an der Hauptstrasse kurz vor Appenzell. «Dann rechts den Abzweiger runter bis zur Nummer 22, das findet nicht jedes Navigationsgerät», hat Simon Enzler am Telefon gesagt. Mit derselben unkomplizierten «Wöllkomm»-Herzlichkeit empfängt einem der bekannteste Satiriker rund um den Alpstein um neun Uhr an der Haustür. Um halb zwölf müsse aber Schluss sein – dann nämlich koche er: Mittagessen für ihn und die beiden Buben, 6 und 8 Jahre alt. Simon Enzler plaudert gerne, hat klare Meinungen. Wer nur seine Bühnenfigur kennt – den selbstgefälligen Choleriker und urchigen Flucher – mag sich wundern: Da sitzt einem ein ausgeglichener, sanft sprechender Humorphilosoph gegenüber. Der Mann hat ja auch in jungen Jahren vier Semester Philosophie und Religionswissenschaften studiert. Für seine Arbeit zieht er sich jeweils in sein Studio im modernen Holzhaus zurück, in dem nirgends ein Alpaufzug hängt – und schliesst die Jalousien. Die prächtige Aussicht würde ihn zu sehr besänftigen, sagt er: Beim Alpstein vor Augen fallen ihm keine bitterbösen Pointen ein.

Ausser Ihrem Dialekt merkt man Ihnen den Appenzeller gar nicht an. Sie sehen aus wie auf der Bühne: jugendlich salopp wie ein Städter.

Simon Enzler: Vor zwanzig Jahren schlüpfte ich für die Bühne in braune Sennenhosen, zog die Zipfelmütze über den Kopf und steckte das Lindauerli in den Mund. Das ist vorbei. Ich bin Appenzeller, erzähle aber keine Appenzeller Witze. In meinen Nummern erzähle ich vom Menschen.

Erzählen Sie trotzdem einen Witz?

Gerne. Diogenes, der griechische Philosoph in der Tonne, grüsst eines Tages einen vorbeigehenden Senatoren. Der antwortet abschätzig, er grüsse nicht jeden hündischen Kerl. Worauf Diogenes: Ich schon. Es gibt davon auch eine Appenzeller Version mit einem Bauern und einem Standesvertreter. Ein wunderbarer Witz, nicht wahr?

Ja, schlagfertig die Überheblichkeit blossgestellt. Ihre Umgebung inspiriert Sie immer noch.

Ich mache Notizen, Sprachmemos, höre bei Gesprächen zu, fotografiere und speichere das im Smartphone. Aber ich hocke nicht jeden Abend am Stammtisch.

Wie entstehen denn Ihre Nummern?

Für die Radiosendung «Zytlupe» recherchiere ich im Internet. Daraus entsteht Alltagskomik als Reaktion auf aktuelle Ereignisse. Dort nenne ich Politiker mit Namen, was ich auf der Bühne nicht tue.

Auf der Bühne sind Sie zeitloser.

Da arbeite ich altmodischer. Im neuen Programm gibt es etwa eine Nummer auf einem Campingplatz. Die ist von eigenen Erfahrungen inspiriert. Oft setze ich mich aber zu Hause hin, nehme mir ein Thema vor, etwa Neid oder Zorn, und schaue, was mir dazu einfällt. Dann lese ich Zeitung, suche komische Widersprüchen. Das Internet hilft enorm. So ein Algorithmus hat auch was Positives.

Früher schauten Sie den Leuten in der Beiz aufs Maul und fertig war eine neue Nummer…

Daraus ergibt sich ein einziges Programm. Weil die Leute ja am Stammtisch seit jeher immer über die gleichen Themen sprechen. Der Alltagsmensch wälzt seit Urzeiten dieselben Probleme, schaut heute genau gleich weit über seinen Tellerrand hinaus wie vor zwanzig Jahren.

Worüber ärgern sich denn die Leute am Stammtisch?

Der Nachbar nervt, der Steuerbeamte, der Ausländer, der Polizist und eigentlich nerven sich alle gegenseitig.

Verstummen die Leute, wenn der Simon Enzler in eine Beiz kommt, weil sie dann denken, er karikiere sie im nächsten Programm?

Ich höre manchmal, jetzt müsse man aufpassen. Aber sie kennen mich, wissen, dass ich nie jemanden namentlich erwähne. Mir geht es immer um Typen.

Aber Sie hatten schon böse Nummern. Im letzten Programm sagte Ihre Bühnenfigur etwa, ein tiefgläubiger Moslem sei im Vergleich zu einem fundamentalistischen Inner- rhödler geradezu ein Freigeist.

Das ist ja auch so.

Wie gross war da die Empörung?

Manche bezeichnen den Enzler als Nestbeschmutzer, werfen mir vor, ich missbrauche den schönen Dialekt, um Erfolg zu haben. Welchen Dialekt soll ich sonst nehmen? Ich habe nun mal diesen. Sprache muss alles sagen können. Mich ärgert, wenn einem die Heimatberechtigung abgesprochen wird, nur weil man kritisiert. Das sind die konservativen Leute, die denken, man gehöre nur dazu, wenn man so ist wie die anderen. Das ist Chauvinismus in Reinkultur. Wenn mir vorgeworfen wird, ich verrate unsere Kultur, sage ich: Das ist auch meine Kultur, meine Heimat. Wenn verschiedene Meinungen keinen Platz haben, wird der Heimatbegriff absurd.

Der Bühnen-Enzler ist der typische Appenzeller und zementiert das Klischee des urchigen Appenzellers als gemütlichen, aber engstirnigen Choleriker und Bünzli.

Die Figur ist zugespitzt, aber auch brüchig. Das macht sie menschlich. Sie scheitert ständig am eigenen Anspruch und wird durch das Unperfekte zynisch.

Haben Sie schon Nummern rausgeschmissen, die in Vorpremieren nicht ankamen?

Ja, auch im neuen Programm habe ich zwei Nummern weggelassen. Eine handelte von Leuten, die Online-­Kommentare schreiben. Ich habe diese Leute seziert, in einer Aneinander­reihung von Beispielen. Die Nummer scheiterte daran, dass die Fallhöhe des Erzählers nicht gegeben ist. Souveräne Typen, die alles wissen, sind Gift für den Humor.

Eigentlich ein Anfängerfehler

Absolut. Ich hätte in die Haut eines Kommentierers schlüpfen sollen, statt über ihn zu reden. Das wäre viel lustiger gewesen.

Wichtig ist der Kontrollverlust, den Ihre Figuren ständig erleben. Deshalb schimpfen sie oft ziemlich grob.

Mir ist wichtig, dass die Sprache die Emotion ehrlich transportiert. Aber das Fluchen wird unterschiedlich aufgenommen. Für einige ist es zu grob, andere schätzen das. Oft sagen mir Zuschauer, es habe ihnen gutgetan, auf der Bühne einen zu erleben, der unbeherrscht ist, aber gerade deshalb authentisch. Jeder Psychologe bestätigt: Fluchen ist gesünder als heucheln.

Sie leben im Herzen Innerrhodens...

Nicht ganz, manchmal bin ich froh, lebe ich hier ein wenig ausserhalb des Dorfes Appenzell. Ich sage immer wieder: Die Ausserrhödler schauen zum Alpstein hin, die Innerrhödler blicken nicht über den Alpstein hinaus. Von meinem Haus aus kann ich ein bisschen über den Alpstein hinaus blicken. Sozusagen freie Sicht aufs Mittelmeer.

Warum wohnen Sie nicht in Zürich, wo Sie ein paar Semester studiert und gearbeitet haben?

Ich kann überall leben, fahre gerne weg, das ist der Vorteil meines Berufs. Aber ich hatte eine so schöne Kindheit hier, das will ich meinen Kindern auch bieten.

Mit Ihren Programmen bleiben Sie immer in der Deutschschweiz.

Es ist die Sprache, die mir liegt. Ich muss nicht wie Emil noch erfolgreicher sein, mir noch andere Sprachen erschliessen, damit ich noch mehr Erfolg habe.

Sie imitierten als Schüler alles von Emil. Der ging nach Deutschland, trat im Zirkus auf, spielte in Kinofilmen. Reizt Sie das nicht auch?

Diese Ambition habe ich wirklich nicht. Ich will Mass halten, habe auch so im Jahr rund hundert Auftritte. Ich bin kein Schauspieler, habe das nicht gelernt. Das merke ich auf der Bühne. Deshalb benutze ich auch wenige Requisiten. Ich erzähle Geschichten. Das kann ich. Warum flüchtete Emil nach New York? Weil er in ein Burnout hineinlief. Was er alles gemacht hat, ist beeindruckend. Aber er ging an seiner Karriere fast zugrunde. Emil bleibt ein überragendes Vorbild für alle Komiker. Weil er einen Zugang zur menschlichen Seele hat. Er ist kein Satiriker, aber ein Menschenforscher.

Finden Sie die pädagogische Satire von Michael Elsener in «Late Up­date» elegant genug?

Michael Elsener ist begabt. Ich habe aber einfach diese Journalisten satt, die jahrelang jammern, es gäbe keine Satiresendung. Und wenn eine kommt, hacken sie auf dem jungen Elsener herum. Eine solche Sendung braucht Zeit.

Simon Enzler tritt mit seinem Programm «Wahrhalsig» am 8./9./10. und 11. Mai, jeweils 20.00, im Kleintheater Luzern auf.

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