Sounds aus der Oberklasse

Um die Jahrtausendwende waren The Strokes eine angesagte Band. Seither hat ihre Musik nicht an Kraft verloren, dafür an Pop gewonnen. Das gilt auch für «Comedown Machine», das neue Album der Amerikaner. Michael Gasser

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Das neue Album der US-Band The Strokes ist kein Meisterwerk, aber immerhin eine Ansammlung mehrerer Pop-Perlen. (Bild: RCA)

Das neue Album der US-Band The Strokes ist kein Meisterwerk, aber immerhin eine Ansammlung mehrerer Pop-Perlen. (Bild: RCA)

Die Schweiz ist auf der Weltkarte des Rocks ein kleiner Fleck. Dennoch geschehen auch hier immer wieder Dinge, die vielleicht nicht gerade die Musikhistorie umpflügen, aber doch eine gewisse Auswirkung auf diese haben. The Strokes, die um die Jahrtausendwende das Garage-Rock-Revival auslösten, hätte es ohne die Schweiz wohl nie gegeben.

Abgänger eines Nobelinternats

Alle Bandmitglieder stammen aus besseren Kreisen, was erklärt, warum der künftige Sänger Julian Casablancas als 13-Jähriger nach Le Rosey verfrachtet wurde. Einem ebenso noblen wie renommierten Internat in der Romandie, in dem auch Albert II., der jetzige König Belgiens, oder Reza Pahlavi, der frühere Schah Persiens, die Schulbank drückten.

Casablancas wurde an den Genfersee geschickt, damit die Noten besser werden und er nicht länger den Verlockungen seiner Heimatstadt New York erliegt. Doch der Jüngling traf auf Albert Hammond Jr. den künftigen Gitarristen der Strokes und Sohn des englischen Singer/Songwriters Albert Hammond, der mit «It Never Rains In Southern California» 1972 einen Hit feierte.

Furore – ohne Longplayer

Zurück im Big Apple teilten sich Casablancas und Hammond Jr. eine Wohnung. Sie besuchten inzwischen zwar die Uni, aber die gemeinsame Leidenschaft war die Musik. Mit dem Gitarristen Nick Valensi, dem Schlagzeuger Fabrizio Moretti und dem Bassisten Nikolai Fraiture, drei weiteren Schulfreunden von Casablancas, formierte man 1998 die Strokes. Das Quintett gab erste Konzerte, feilte an einem Set von 14 Songs und verschickte ein Demotape an das britische Label Rough Trade, das 2001 «The Modern Age» veröffentlichte. Die EP mit drei Tracks befeuerte das Interesse an der Band so sehr, dass die Plattenfirmen zum Bietwettbewerb um die Strokes ansetzten. Der Hype hatte begonnen.

Selbst ohne Longplayer gelang es den fünf knapp Zwanzigjährigen, für Furore zu sorgen. An einem Festival der britischen Musikzeitschrift «New Musical Express» entschlossen sich die Veranstalter kurzfristig, die Strokes von der Neben- auf die Hauptbühne zu verschieben – aus Angst, dass sich die Besucher mangels Platz gegenseitig niedertrampeln.

Wenige Monate später war es so weit: Im Oktober 2001 wurde das ersehnte Débutalbum «Is This It» auf den Markt geworfen. Die CD beinhaltete melodischen Garage-Rock mit starkem Chorgesang und zeigte punkige Einflüsse von Velvet Underground bis hin zu den Stooges, der Band um Iggy Pop. Was die Strokes überdies schier unwiderstehlich machte, war ihr ästhetisches Flair sowie ihre kühle Haltung, die an eine Schar junger Dandies erinnerte.

Fünfjährige Auszeit

Während knapp dreier Jahre waren The Strokes das Mass aller Musikdinge. Und das durchaus zu Recht. Ihre ersten beiden Platten imponieren bis heute. Danach wurde es ruhiger um die Amerikaner. Auch weil sie sich eine fünfjährige Auszeit gönnten und sich erst 2011 mit «Angles» zurückmeldeten. Nun folgt «Comedown Machine», ihr fünftes Studiowerk. Die Strokes mögen mittlerweile weniger gefragt sein, aber ihre Lieder verfügen weiterhin über Charisma. Das Album beginnt mit einem harten Gitarrenriff, es ebnet den Weg zu «Tap Out», einem Stück mit launischer Melodie und verschleppten Disco-Rhythmen. Wie seit je liefern die Strokes ausgefeilte Arrangements, welche die Grooves und die Gitarren im Mittelpunkt halten.

Ein Synthesizer-Gewitter

Julian Casablancas, inzwischen 34jährig, treibt seine Stimme weiterhin mühelos zum Falsett hoch. Doch sie klingt reifer, voller, was dem Gesang und den Kompositionen gut ansteht. «80's Comedown Machine» gewittert leise mit Synthesizern, «Slow Animals» offeriert bittersüssen und sanft glitzernden Rock, und «Call It Fate, Call It Karma», die Schlussnummer, zeigt die Band verträumter und wärmer denn je. The Strokes sind ruhiger geworden, von Rotzigkeit kaum eine Spur mehr. «Comedown Machine» entpuppt sich nicht als Meisterwerk, dafür als feine Ansammlung sanft schimmernder Pop-Perlen. Mehr ist bisweilen auch gar nicht gefragt.

The Strokes: «Comedown Machine», RCA/Sony. Ab Freitag im Handel.