Soundlandschaften voller Abgründe

Hörbar Pop

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Nine Inch Nails

Add Violence, (UMI/ Caroline)

Ein Fehler? Nein! Komplette Absicht. Mit einem neunsekündigen Loop, der über fünfzigmal wiederholt wird, knarzt und knallt «Add Violence» aus. Der repetitive Ausklang dieser EP (es ist die zweite einer angekündigten Trilogie) ist äusserst wuchtig und brachial. Dabei startet die Platte von Nine Inch Nails zuvor beinahe schon zugänglich. Trent Reznor gibt seinem Sound mehr Farbe als auch schon und erinnert an die frühen klassischen Industrial-Tage. Aber Reznor bleibt Reznor. Bevor man sich daran zu sehr gewöhnt hat, knallt er verstörende Brüche rein. Zusammen mit Atticus Ross schafft Reznor düstere Soundlandschaften, die voller Abgründe stecken. Das ist Musik, die man nicht alleine beim Joggen im Wald hören sollte.

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Lana Del Rey

Lust For Life (UMD/Vertigo)

So darf selbst Lana etwas fröhlich sein

Lana Del Rey sei jetzt glücklich und gerade frisch verliebt, stand irgendwo. Doch keine Angst: Die Dame hadert immer noch genug mit der Liebe und der Welt. Zwar blinzelt die Sonne jetzt ab und zu in ihren Schmachtpop, aber noch immer kann man Del Rey vor allem beim Leiden zuhören. Nirgendwo klingt «Blue Skies Forever» so traurig, wie bei der 32-Jährigen. Ist ja auch wirklich nix Schönes. Auch sonst bleibt die Amerikanerin ihrem runtergebremsten Retro-Sound grossmehrheitlich treu. Sie peppt ihn da und dort mit einigen Hip-Hop-Einflüssen auf, was oft gelingt, aber nicht immer. Sehr gut passt es etwa beim Duett mit The Weeknd – fast schon ein Sommerhit.

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Tyler the Creator

Flower Life (Columbia)

Endlich kann man wieder über Musik reden

In letzter Zeit wurde viel über Tyler the Creator gesprochen. Nicht wegen seiner Musik, sondern wegen seiner Sexualität. Ist er, der auch schon sehr homophobe Äusserungen machte, schwul? Auch das Album «Flower Boy» gibt keine Antwort. Vor allem aber ist es, ob jetzt homo oder hetero, sehr gut. Rap, der sich etwas traut. Rap, der auch mal überfordert. Rap, der zugänglich und gleichzeitig bretthart sein kann.

Michael Graber