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SOUNDKUNST: Das Moor zum Klingen bringen

Wie tönt Moos? Welche Klänge lassen sich Kuhdraht entlocken? Was geschieht, wenn man mit der Stimme den Alpstein erkundet? In neun Schöpfen im Gaiser Hochmoor findet man Antworten darauf.
Christina Genova
Norbert Möslangs blau schimmerndes Soundobjekt sendet Störgeräusche aus. (Bilder: Mareycke Frehner (Gais, 30. August 2017))

Norbert Möslangs blau schimmerndes Soundobjekt sendet Störgeräusche aus. (Bilder: Mareycke Frehner (Gais, 30. August 2017))

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Es dröhnt und wummert, der ganze Schopf scheint zu vibrieren. Doch die Klangquelle befindet sich weder im ehemaligen Kuhstall noch in der Remise nebenan. Erst oben auf dem Heuboden entdeckt man eine Reihe von 76 Saiten, die bis an die Decke des Schopfes gespannt sind. Sie werden von Filzbällen, die an DC-Motoren befestigt sind, zum Klingen gebracht und bestehen aus 266 Metern gewöhnlichem Kuhdraht. Die spektakuläre Soundinstallation stammt vom Berner Zimoun und kommt ganz ohne Verstärker aus. Die ganze Scheune bildet den Resonanzkörper. Zimouns Arbeit ist eines von neun Kunstwerken, die man ab heute im Rahmen der Ausstellung «Klang Moor Schopfe» in neun Schöpfen im Gaiser Hochmoor erkunden kann.

Beim Anblick der weit verstreuten und windschiefen Schöpfe denkt man unwillkürlich an die Sage vom Riesen Säntis. Als dieser übers Appenzellerland schritt, purzelten aus einem Riss in seinem Sack die Häuschen, die er überall eingesammelt hatte. ­Jeder Schopf sieht anders aus; manch einer ist über hundert Jahre alt. Einst nutzten die Bauern die Schöpfe, um dort das Heu für das Vieh zu lagern. Heute werden sie als Oldtimergarage oder Samichlaushäuschen genutzt.

Duett mit Heugebläse

In diesen Schöpfen Soundkunst zu zeigen, darauf muss man erst einmal kommen. Hinter dieser ebenso genialen wie verrückten Idee steckt der Soundtüftler und Musiker Patrick Kessler. Das Moor ist sein Naherholungsgebiet, er wohnt nicht weit davon entfernt in einem alten Bauernhaus. Als das Projekt vor einem Jahr konkreter wurde, stiess Jacques Erlanger als administrativer Leiter dazu. Kessler schaffte es, die Besitzer davon zu überzeugen, ihre Schöpfe leerzuräumen und darin während zehn Tagen zeitgenössischer Kunst Gastrecht zu gewähren. Manch morsches Holzbrett wurde gar ersetzt, dank der Schindelkasse des Ausserrhoder Heimatschutzes. Auch die Gaiser Sportschützen holte Patrick Kessler mit ins Boot. Sie stellten ihm ihr Schützenhaus als Ausstellungszentrum zur Verfügung.

Bei einem Rundgang einen Tag vor der Eröffnung von «Klang-Moor-Schopfe» sind erst vier von neun Soundinstallationen fertiggestellt. Doch was schon zu sehen ist, begeistert und weckt die Vorfreude auf sinnliche Kunst- und Klangerfahrungen. Auch Jason Kahn ist noch am ­Installieren:«Ich erforsche, was Raum bedeutet – sozial, akustisch, kulturell.» Der gebürtige New Yorker, der in Zürich lebt, war während sechs Wochen immer wieder im Appenzellerland unterwegs. Er erkundete die Landschaft mit seiner Stimme und brachte zwei Stunden Tonmaterial nach Hause. Ausschnitte daraus sind in seiner Installation zu hören. Gerade erklingt ­Jason Kahns Stimme und ihr Echo, das er beim Fälensee eingefangen hat. Es ist unüberhörbar, dass ihn der Alpsegen inspiriert hat. Bei einem weiteren Ausschnitt mischt sich seine Stimme mit dem Dröhnen eines Heu­gebläses. Auch dieser Klang gehört zum ländlichen Raum, nicht nur die Klischees der Tourismuswerbung. Parallel zu den Tonaufnahmen hat Kahn während seiner Erkundungstouren auch Texte geschrieben. Er ist gerade dabei, die letzten davon im Schopf aufzuhängen.

Roman Signers tiefer Ton

Auch die Installation «Living Instruments» der beiden Künstlerkollektive «WeSpoke» und «Hackuarium» ist noch im Aufbau begriffen. Der Boden des Schopfes ist bereits zur Hälfte mit einer weichen Moosschicht bedeckt. Man darf darauf laufen und sogar liegen. «Wir wollten das Aussen nach Innen bringen», sagt Raphaela von «Hackuarium». Inspiriert wurden die Künstler von einer Szene in Andrei Tarkovskys Film «The Mirror». Darin regnet es in einem Haus. Da das Moos im oberen Stock mit Sensoren ausgestattet wird, reagiert es auf die Berührungen der Besucher mit Klängen. Die beiden Lokalmatadoren Norbert Möslang und Roman Signer haben ihre Arbeiten bereits fertiggestellt. Norbert Möslangs quaderförmiges, blauleuchtendes Objekt sieht aus wie von einem anderen Stern. Es gibt allerhand Störgeräusche von sich und hat zwei Antennen ausgefahren. Durch die halbtransparente Folie, mit der es umwickelt ist, sieht man schemenhaft Geräte – die Urheber der Geräusche.

Roman Signers Installation sieht man hingegen schon von weitem: Ein silbernes Rohr ragt bedrohlich aus dem Schopf – doch nicht, um uns mit Kugeln zu beschiessen, sondern um uns zu beschallen: Das Rohr ist eine auf As gestimmt Orgelpfeife. Sobald man in deren Nähe kommt, erklingt «Ein tiefer Ton».

1. bis 10. September, täglich von 10–19 Uhr.

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