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Künstlerin Sophie Calle: Sie filmte ihre Mutter beim Sterben

Die einflussreiche französische Künstlerin Sophie Calle verfolgt Männer auf der Strasse, filmt ihre Mutter beim Sterben und lädt Fremde in ihr Bett ein. Eine Begegnung im Fotomuseum Winterthur.
Andrea Tedeschi
Macht ihre Liebesbriefe zum Gegenstand ihrer Kunst und bleibt doch ein Mysterium: Sophie Calle. (Bild: Laura Stevens/Camera Press)

Macht ihre Liebesbriefe zum Gegenstand ihrer Kunst und bleibt doch ein Mysterium: Sophie Calle. (Bild: Laura Stevens/Camera Press)

Glaubt man anderen, was sie über Sophie Calle sagen, schreiben und auf sie projizieren, dann führt die 65-Jährige Künstlerin ein Leben wie aus einem Drehbuch – raus aus den Zwängen des bürgerlichen Alltags, hinein ins Abwegige. Die Französin durchwühlte als Zimmermädchen die Koffer der Hotelgäste, las ihre Post, roch an den Laken, notierte, fotografierte. Später lud sie Freunde und Passanten in ihr Bett ein.

24 oder 45, die Zahl variiert, kamen und schliefen in drei Schichten, je acht Stunden, eine Woche lang bei ihr und liessen sich von ihr fotografieren.

Nun steht Sophie Calle im Fotomuseum Winterthur, trägt schwarz und eine dunkle Sonnenbrille, gleitet durch die Räume, gibt letzte Anweisungen für ihre erste grosse Schweizer Ausstellung «Un certain Regard». Gerahmte Fotos und Texte liegen am Boden oder hängen schon an den Wänden: Fünf Werkserien, darunter zwei über Blinde, die sich an das letzte erinnern, bevor sie das Augenlicht verloren. Die andere Gruppe der Blinden beschreibt, wie sie Schönheit empfinden, ohne sie je gesehen zu haben. Für ein Mädchen ist es das wollige Schaf, weil es sich nicht bewegt oder die langen Haare ihrer Mutter. Selbst ohne Sophie Calle in der Hauptrolle in dieser Ausstellung verströmen die Werke kein Glück.

Das Scheitern inspiriert sie mehr als das Gelingen

Was die Frage aufwirft, ob die Tochter eines Arztes besessen, getrieben oder einfach nur unglücklich ist. Sie selbst sagt, dass sie besonderen Gefallen an traurigen Dingen habe, die sie mit ihrer Kunst überwinden will: Der Tod inspiriert sie mehr als die Geburt, die Trennung mehr als das traute Glück, das Scheitern mehr als das Gelingen.

Dabei wirkt die 65-Jährige fröhlicher als man hätte erwarten können, ist zugänglicher als befürchtet, lacht oft, redet viel. «Wenn ich glücklich bin, lebe ich», sagt sie, also in keinem ihrer Werke, aber in Momenten wie diesen. Wenn sie sich hingegen langweile, sei sie abwesend, telefoniere statt dem Gegenüber zuzuhören.

In ihren jüngeren Jahren trieb es sie deshalb häufig auf die Strasse.

1979 begann sie, Unbekannte in Paris zu beschatten, notierte ihre Gewohnheiten, verfolgte später einen Mann namens Henry B. bis nach Venedig und wieder nach Paris zurück, beobachtete und fotografierte ihn zwölf Tage lang. Sie begehrte ihn, es blieb einseitig. Er konnte ihr nicht weh tun, sie ihn jederzeit verlassen. Im Gegenzug liess sie über ihre Mutter einen Detektiv einen Tag lang auf sich ansetzen, genoss seine Aufmerksamkeit, führte ihn über den Friedhof Montparnasse, in den Jardin de Luxembourg und ins Louvre. Sie behielt die Kontrolle. Denn geht es nach ihrer Kunst, ist sie mehr verlassen worden als sie verlassen hat.

Sie filmte das Sterben ihrer Mutter

«Wenn ich ein Mann gewesen wäre, hätte ich damals niemanden verfolgt», sagt Sophie Calle. Denn der weibliche Blick sei weniger zweideutig als der eines Mannes. In ihrem Fall dürfte man das anzweifeln, da sie das Leben der anderen für sich nutzt. Sie widerspricht. «Als ich den Mann damals in der Strasse verfolgte, gab ich über ihn fast nichts preis.» Über ihr Leben dagegen will sie weiterhin schweigen. Was ist fiktiv, was real? «Selbst wenn ich über mich rede in meiner Arbeit, ist das nicht ich», behauptet sie. Obwohl sie das Sterben ihrer Mutter filmte und sie die Briefe ihres Mannes veröffentlichte? Die eine willigte ein, der andere nicht. «Jeder wird seine Mutter verlieren oder wird mal verlassen», sagt sie und zeigt mit dem Finger auf die Strasse vor dem Fotomuseum.

«Jedem in der ganzen Strasse wird das passieren.»

Die Digitalisierung dagegen sieht sie mit Sorge. «Es ist schrecklich», sagt Sophie Calle und meint die Generation Facebook. Sie sei erstaunt, was diese Menschen freimütig und distanzlos preisgäben. Doch gibt es etwas Privateres, als die Korrespondenz zweier Liebenden? «Prenez soin de vous», «Passen Sie auf sich auf», lautet der letzte Satz des E-Mails des Mannes, der Sophie Calle verlassen hatte. «Sorgen Sie sich um mich», bat sie 107 Frauen und liess sie ein Schreiben ihres Geliebten interpretieren und kommentieren. «Ich offenbare mich nicht und rede nicht über meine Gefühle, sondern ich lasse die Trennung von anderen analysieren», sagt die Französin. Obwohl der Absender real ist, wird er über die Installation zur Fiktion.

Ihr Haus, ihre Arbeit, ihr Leben würde sie aufgeben

Selbst der amerikanische Schriftsteller Paul Auster liess sich von Sophie Calle inspirieren, schrieb die Figur Maria in «Leviathan» nach ihr und baute sie auf zehn Seiten in die Geschichte ein. Die Künstlerin bat ihn, ihr ein Drehbuch zu schreiben, dem sie Tag für Tag absolut gehorchen würde. Sie wäre bereit gewesen, ihr Haus aufzugeben, ihre Arbeit, ihren Mann, hätte sie einen gehabt. Sie hatte Lust mehr oder weniger jemand anderes zu sein. Auster lehnte ab; sie war ihm zu furchtlos, die Verantwortung für ihn zu gross. Hat Sophie Calle noch immer Lust jemand anderen zu sein? «Nein», sagt sie.

Hinweis

Eröffnung am Samstag: Sophie Calle – Un certain Regard bis 25.8.19, Fotomuseum Winterthur

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