Sonnenaufgang und andere Gänge

Im fünften Gedicht von René Oberholzers jüngster Lyriksammlung geht die Sonne auf. Später geht es um «Gipfelnähe», dann um «Gipfelerlebnisse». Insgesamt gilt aber: «Die Wetterlage» ist gut. Was «Heimat» und «Heimat II» betrifft, ist die Sache nicht so einfach zu entscheiden.

Rainer Stöckli
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René Oberholzer beim Wortlaut Festival 2015 in St. Gallen. (Bild: pd)

René Oberholzer beim Wortlaut Festival 2015 in St. Gallen. (Bild: pd)

WIL. Gehen, wandern, reisen, flüchten, Hindernisse nehmen… diese Fortbewegungsarten sind häufig in René Oberholzers neuer Gedichtsammlung «Kein Grund zur Unruhe». Das bringt mit sich, dass nebst einem Titel wie «Sonnenaufgang» mit 17 Zeilen auch Spazier- und Tauchgänge stehen; dass wir an Sommertagen unterwegs sind sowie in Sommernächten, an einem «Februarmorgen» sowie unter «Osterwetter», sogar einmal zur «Geisterstunde».

Wer indessen Oberholzers Meteorologie behaftet, ist bald genasführt. Die «Geisterstunde» erregt nicht Grauen, sondern dient dem Anagrammieren: steigerstunde / geisternest du / und es geistert.

Bald witzig, bald konfus

Es sind zwölf Jahre her, seit eine Folge von rund neunzig Texten des Wilers im Nimrod-Verlag erschienen ist. Damals schon der Vorzug für wenige und knappe Zeilen, Gedichte oftmals von kurzem Schnauf. Zu situieren zwischen den Polen «witzig» und «konfus».

«Ich bin ein Märchen», hiess es im letzten Text, und auf der Hand lag, dass in den acht Zeilen gespielt werde mit «es war einmal» und «wenn noch nicht gestorben». Andere Lese-Erinnerung: Wer vom «Föhntag»-Text im Band «Genickstarre» Wörtlich-Wirkliches zu erwarten beliebte, musste oder durfte steckenbleiben zwischen Fenster aufbringen und Fenster umbringen.

Beide Sprachgesten, das Witzigseinwollen und das Konfusmachen, kommen in Oberholzers neuer Lyrik auch vor. Ans Licht gebracht hat sie der niederösterreichische Verlag Driesch im österreichischen Drösing.

Bald geistreich, bald poetisch

Die reichlich 230 Texte handeln von allen Themen der Welt: vom «Möhrenland» bis «Saint-Tropez», von «Strandidylle» bis «Südkurve», von der «Punta Scario» auf Sizilien bis «Morlaix» in der Bretagne und «Struthof» im Elsass – wie schon die Gedichttitel verraten.

Geglückt muten zwei Textsortimente an: jene, die man «geistreich» heissen möchte, und jene, die einem genuin dichterisch vorkommen. Natürlich ist Lyrik auch zum Spielen da, zum Verblüffen, zum Irritieren und Purzelbaumschlagen. Aber seit alters fasst und verdichtet Poesie auch «das hehre Gefühl»: Tagesglück, Attachement, Sehnsucht, Verlust. Insofern ist der neue Band ergiebig. «Reststück» notiert in elf Zeilen, was vom Verlieben und Entlieben übrig bleibt: ein Stein für Sie und für Ihn, gleichermassen Denkmal einer Beziehung wie Bürde der Erinnerung.

Des Weiteren lesen wir – nebst dem Wortklauberischen und an der Seite des bald bemüht, bald kalkuliert Witzigen – Persönliches im besten Wortsinn, das, was durch den schriftstellenden Menschen hindurch tönt oder singt (per-sonare). Wir lesen Vatergedichte, Stillleben, Lust- und Leidarbeit.

Umdichtungen ohne Verweis

Ein eigenes Genre bilden die Umdichtung des Vaterunser-Gebets und die Paraphrasen von Brambach-, Goethe-, Kaschnitz-Gedichten. Auf die Vorlagen hätte man freilich verweisen dürfen!

René Oberholzer: Kein Grund zur Beunruhigung. Gedichte, Driesch 2015, 284 S., bestellen unter: rene.oberholzer@bluewin.ch.

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