SONG TO SONG: Ein Bilderfluss, der ermüdet

Vor dem Hintergrund eines Musikfestivals in Austin/Texas philosophiert Terrence Malick über die Liebe, das Streben nach Erfolg und den Sinn des Lebens.

Walter Gasperi
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Sonnendurchflutete Bilder vom oberflächlichen Leben – Szene mit Rooney Mara. (Bild: Ascot Elite/PD)

Sonnendurchflutete Bilder vom oberflächlichen Leben – Szene mit Rooney Mara. (Bild: Ascot Elite/PD)

Walter Gasperi

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@tagblatt.ch

Vier Filme legte Terrence Malick mit «To the Wonder», «Knight of Cups», dem Dokumentarfilm «Voyage of Time» und «Song to Song» in den letzten fünf Jahren vor. Mit «Radegund» ist ein weiterer über den österreichischen Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter bereits abgedreht. Mehr denn je haben die letz­ten Werke des öffentlichkeits­scheuen Amerikaners Publikum und Kritik aber gespalten. Immer wenigere wollen seiner zunehmend assoziativen Erzählweise folgen. Erzählte Malick im grandiosen «The Tree of Life» fragmentarisch eine Familiengeschichte, so nimmt er in «Knight of Cups» und nun in «Song to Song» die Erzählung noch mehr zurück, wiederholt aber Themen aus «The Tree of Life».

An die Stelle von Hollywood als Hintergrund für die Auseinandersetzung mit einem sinnentleerten, oberflächlichen Leben («Knight of Cups») tritt hier nun die texanische Musikmetropole Austin. Gedreht wurde teilweise während des Austin City Limits Festival, Szenen vom Trubel auf dem Festivalgelände sind ebenso eingeschnitten wie Kurzauftritte von Musiklegenden wie Iggy Pop und Patti Smith.

Hollywoodstars als Marionetten

Im Zentrum – sofern es so etwas bei Malick gibt – steht die junge Faye (Rooney Mara), die eine Karriere als Musikerin anstrebt. Sie beginnt eine Affäre mit dem arroganten Musikproduzenten Cook (Michael Fassbender), verliebt sich aber dann in den Musiker BV (Ryan Gosling). Während Cook sich in der Folge eine Kellnerin (Natalie Portman) angelt, entwickelt BV Interesse für die etwas ältere Amanda (Cate Blanchett). Das alles wird mehr an­gedeutet als ausformuliert, der Zuschauer muss es sich aus fragmentierten Szenen selbst zusammenreimen. Keine ausgefeilten Charaktere will Malick zeichnen: Die von einem Starensemble gespielten Protagonisten dienen ihm, auch wenn die Szenen und Dialoge angeblich improvisiert wurden, letztlich als Marionetten, die seine Gedanken transportieren sollen.

Der wahre Star von «Song to Song» ist Kameramann Emmanuel Lubezki, der für «Birdman», «Gravity» und «The Revenant» dreimal hintereinander mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Ständig ist seine Handkamera in Bewegung, umkreist die ­Figuren, erfasst sie in ungewöhnlich angeschnittenen Grossauf­nahmen. Dazu hört man Mara, aber auch Fassbender und Gosling im Voice-over über die Liebe und das Lebensglück sinnieren. Diese scheinen sie aber weder auf Gartenpartys, in einer modernen Designervilla oder einer mexi­kanischen Hacienda noch auf einem ruhigen Fluss oder einem Felsplateau zu finden. In betörenden Bildern sind diese Schauplätze sowie schwelgerische Sonnenuntergänge eingefangen, zwischen denen «Song to Song» ansatzlos wechselt.

So sehr man sich für diesen Fluss der Bilder, den stupenden Soundtrack (von Händel, Ravel und Mahler bis zu Bob Dylan und Lykke Li) zunächst begeistern mag, so ermüdend wird dies doch bald. Weil alles angedeutet – eine Vater-Sohn- und eine Vater-Tochter-Beziehung wird ins Spiel gebracht –, aber nichts ausformuliert wird, verliert man sich im assoziativen Rausch der Bilder und Töne. Einerseits findet man zu den Figuren, abgesehen von der grossartigen Rooney Mara, kaum Zugang, andererseits beginnen sich, wie die Kamera, auch die Gedanken im Kreis zu drehen.

Ab heute im Kinok St. Gallen und im Luna Frauenfeld