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SOMMERTHEATER: Tarantelkult im Theater

Die Theaterwerkstatt Gleis 5 und der Greuterhof Islikon spannen erneut zusammen. Nach «Dr. Jekyll und Mr. Hyde» geht es mit «Der schwarze Kuss» in den tiefen Süden Italiens – und zu den Saisonniers, die zu uns kamen.
Italianità in Islikon: Proben zu «Der schwarze Kuss». (Bild: Dieter Langhart)

Italianità in Islikon: Proben zu «Der schwarze Kuss». (Bild: Dieter Langhart)

Michele di Nardò hat alle Symptome eines tarantato, eines von der Tarantel Gestochenen. Wie es Brauch ist, werden Musiker herbeigerufen, den 19-Jährigen zum Tanzen zu bringen. Doch sie schaffen es nicht, ihn von seinem Leiden zu erlösen – sie vermuten, die Tarantel müsse taub sein, da sie nicht auf die Melodien reagiert. Michele gibt später zu, alles erfunden zu haben, weil er Aufmerksamkeit brauchte. Damals, 1959.

Die Geschichte des Michele ist ebenso wahr wie der Tarantelkult in der Provinz Lecce. Doch Michele ist nicht in die Schweiz ausgewandert wie so viele Italiener, darunter Giuseppe Spinas Eltern. Der Schauspieler hat letztes Jahr, während der Proben zu «Dr. Jekyll und Mr. Hyde» im Greuterhof Islikon, alte Fotos entdeckt. Darauf waren Autos von Saisonniers zu sehen, die hier gewohnt und in Konserven- und Teigwarenfabriken gearbeitet hatten.

Die Häuser und Autos, die Farben und Fenster erinnerten Spina an seine eigene Geschichte. Er holte seine Diplomarbeit an der Theaterschule Dimitri wieder hervor – eine Kurzgeschichte über den Tarantismus und seine Musik. Und verquickte, gemeinsam mit Regisseur Noce Noseda, Micheles Geschichte mit jener der Gastarbeiter im Greuterhof Islikon zu einem Theaterstück. Zum zweiten Islikoner Kammerstück unter freiem Himmel.

Probenwoche mit den ­Musikern in Süditalien

Nein, Michele wird nicht überfahren, wie das Bild aus den Proben suggeriert. Ein Deutschschweizer nimmt ihn mit über den Gotthard. Joe Fenner sitzt am Steuer, Giuseppe Spina spielt den Michele, der seine Liebe finden wird – eine blinde Schweizerin, verkörpert von Silvana Peterelli. Wie auch Jan Hubacher kennt man sie vom A-cappella-Ensemble Zapzarap, dem auch Giuseppe Spina angehört hat. Sie sind im Theater ebenso daheim wie in der Musik – und die Musik wird eine Hauptrolle spielen in «Der schwarze Kuss»: Die pizzica pizzica, traditionell und zeitgenössisch interpretiert von zwei Musikern und einer Sängerin/Tänzerin aus Tiggiano. Da wird das Ensemble eine Woche proben, bevor es in die Intensivphase geht. Neben Joe Fenner hat auch Catrin Frei bereits in «Dr. Jekyll und Mr. Hyde» mitgespielt, und auch da schlüpften fast alle Darsteller in mehrere Rollen.

Die archaischen Rituale um den Tarantismus sind «voller absurder Bilder und sehr theatral», sagt Spina. «Jeder Betroffene erzählt eine andere Tarantelgeschichte – aber in den Köpfen auch der Zuhörer ist alles real», sagt Spina. «Die Hysterie, in die sich die Schaulustigen steigern, hat etwas von Voodoo.»

Der jüngste Spieler wird 14 an der Dernière

Die (fast) wahre Geschichte von Michele wird, wie schon «Jekyll und Hyde» letztes Jahr, fast ohne Bühnenbild auskommen, denn der Greuterhof muss als Spielort sichtbar bleiben. Der alte rote Cinquecento mit Faltdach ist das zentrale optische Element; als optische Spielerei verbindet zudem ein «Spinnennetz» das Gebäude mit der Zuschauertribüne.

Und durch die Zeit wird das Stück springen, drei Generationen umspannen. Nemo Frei spielt den Enkel, an der Dernière wird er 14. Der Michele im Stück, assimiliert, war 1999 nach Italien zurückgekehrt. «Er hat also zweimal seine Heimat verlassen», sagt Regisseur Noce Noseda. «Mich hat interessiert, was das mit einem Menschen macht.» Es geht Noseda nicht um Ausgrenzung, Diskriminierung oder Integration, er will eine leichte Geschichte erzählen. «Das Theater ist kein guter Ort für Debatten.»

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

11.–26.8., 20.30 Uhr, Greuterhof Islikon. Karten, Dinner-Package: derschwarzekuss.ch

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