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SOMMERSERIE: Nicht ganz von vorne anfangen

Birgit Widmer und ihr Sohn Wassili sind Künstler. Beide haben ihre Berufung über einen Umweg gefunden. Konkurrenz gibt es keine. Jeder kann von dem andern lernen, sind Mutter und Sohn überzeugt.
Christina Genova
Künstlerin Birgit Widmer freut sich darüber, dass ihr Sohn Wassili Widmer den Mut hatte, Kunst zu studieren: «Von Stolz würde ich nicht sprechen. Er muss stolz auf seine Arbeit sein.» (Bild: Benjamin Manser)

Künstlerin Birgit Widmer freut sich darüber, dass ihr Sohn Wassili Widmer den Mut hatte, Kunst zu studieren: «Von Stolz würde ich nicht sprechen. Er muss stolz auf seine Arbeit sein.» (Bild: Benjamin Manser)

Christina Genova

christina.genova

@tagblatt.ch

Wassili Widmer kommt aus einer Künstlersippe. Mutter Birgit und Vater Hans Schweizer sind Künstler. Und auch Halbschwester Harlis und Halbbruder Stéphane machen Kunst. «Wir sind eine Übermacht», sagt Birgit Widmer. Vielleicht ging der kleine Wassili deshalb immer tschutten und antwortete auf die Frage nach seinem Berufswunsch mit: «Ich will mal Geld verdienen.» Lange war Wassili auf dem besten Weg dazu; er besuchte die Wirtschaftsmittelschule in Trogen, wollte sich einordnen. «Meine Eltern sagten mir nie, was ich werden soll», erinnert er sich. «Mach nur», sagte Vater Hans. Erwartungen spürt er vor allem von seiner Mutter: «Sie ist fordernd. Sie will, dass ich mein Bestes gebe, egal was ich tue.» Schon während der Schulzeit habe sie ihn nie zu Hause krank im Bett bleiben lassen, erzählt er schmunzelnd.

Als Kind von Künstlereltern im ländlichen Gais in einer konservativen Umgebung aufzuwachsen, war für Wassili nicht immer einfach: Wenn sein Vater ihn mit dem Auto und der Russenmütze auf dem Kopf nach dem Mittagessen zur Schule fuhr, wollte der Bub lieber schon beim Bahnhof aussteigen, erzählt Birgit Widmer. Sie habe ihn als Kind nur selten an Vernissagen und Ausstellungen mitgenommen. Ihr Sohn hat das anders in Erinnerung.

Birgit Widmer korrigiert Foucault

Vor drei Jahren ist Wassili Widmer dann doch in die Zürcher Hochschule der Künste «reingestolpert», wie er sagt. Er begann ein Studium der Fotografie, doch wurden ihm das Medium und seine Konventionen bald zu eng, und er begann sich mehr und mehr Richtung Kunst zu bewegen. Momentan interessieren den 25-Jährigen Installationen genauso wie Performances. «100 Physical Pieces» heisst die Performance-Serie, die Wassili initiiert hat. Im Frühling fand auf dem Werdmühleplatz bei der Zürcher Bahnhofstrasse «Piece 5» statt. Der junge Künstler und eine Kollegin schleppten mit Erde gefüllte Jutesäcke im Kreis, jeder rund 30 Kilogramm schwer. Weil es regnete, wurden die Säcke schwerer und schwerer. Nach anderthalb Stunden waren die Künstler erschöpft und die Performance zu Ende: «Ich finde es spannend, an die Grenzen zu gehen», sagt Wassili Widmer. Birgit Widmer war dabei: «Für mich als Mutter war es nur schwer auszuhalten.» Was meint die 53-Jährige dazu, nun noch einen Künstler in der Familie zu haben? «Ich finde es schön. Und mutig von Wassili. Obwohl er weiss, dass es schwierig ist, auch finanziell. Vielleicht ist es aber auch nicht mutig, sondern er hat das gefunden, was er machen muss.» Auch Birgit Widmer hat einen Umweg über die Kantonsschule genommen, bevor sie nach drei Jahren an die Kunstgewerbeschule wechselte. Obwohl der Berufsberater ihr dazu geraten hatte, war ihr die Kunst zuerst zu unsicher. Das Studium ihres Sohnes sei für sie eine Bereicherung, auch intellektuell, sagt die Künstlerin. Sie, die nie Kunst studierte, liest alle Bücher, die Wassili nach Hause bringt. Als er ihr eines Abends einen Text schickte, dachte sie, es sei eine Hausarbeit. Sie machte sich eifrig ans Korrigieren und strich die vielen Fremdwörter und Schachtelsätze an. Später klärte Wassili sie auf, dass es sich um den berühmten Vortrag «Was ist Kritik?» von Michel Foucault handle. Beim Gedanken daran schüttelt er sich heute noch aus vor Lachen.

Verschiedene Welten und Generationen

Es läuft momentan gut für Mutter und Sohn. Birgit Widmer hat vor kurzem erfahren, dass sie drei Monate in der Atelierwohnung des Kantons St. Gallen in Rom verbringen darf. Wassili hat gerade sein Bachelorstudium an der Zürcher Hochschule der Künste abgeschlossen und schiebt nun ein Zwischensemester ein, bevor er, wie er hofft, sein Masterstudium in Amsterdam oder Glasgow beginnen kann. Im September stellt er zusammen mit Fridolin Schoch und Domenic Lang im Kornhaus Rorschach aus; für den Oktober organisiert er im Lattich, der Zwischennutzung beim St. Galler Güterbahnhof, ein Ausstellungsprojekt. Obwohl er in Zürich wohnt, ist Wassili auch in der Ostschweiz gut vernetzt.

Wie ist es, wenn alle in der Familie Kunst machen? «Es ist einfach so, es ist natürlich», sagt Wassili. Und es habe durchaus Vorteile, meint Birgit. «Man muss nicht ganz von vorne anfangen.» Konkurrenz, da sind sich die beiden einig, sei kein Thema. Vielleicht auch weil das Gefälle untereinander nicht so stark sei. Im Januar hat die ganze Familie in einer Luzerner Galerie ausgestellt. «Wir kommen aus verschiedenen Welten und Generationen. Wir können uns die ganze Zeit Neues erzählen», sagt Wassili. Jeder nehme von jedem etwas mit, meint Birgit Widmer.

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