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SOMMERSERIE: «Loslassen schafft Nähe»

Robert und Marija Bokor aus St. Gallen, Vater und Tochter, begegnen sich in musikalischen Belangen auf Augenhöhe. Gerade den Freiraum in der Jugend, die Unabhängigkeit auf der Suche nach dem eigenen Weg schätzt Marija heute besonders hoch ein.
Martin Preisser
Der Geiger Robert Bokor und seine Tochter, die Pianistin Marija Bokor, musizieren in verschiedenen Kombinationen zusammen. (Bild: Benjamin Manser)

Der Geiger Robert Bokor und seine Tochter, die Pianistin Marija Bokor, musizieren in verschiedenen Kombinationen zusammen. (Bild: Benjamin Manser)

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

«Ich bin für ihn immer noch die kleine Tochter, als Pianistin bin ich aber seine Kollegin», sagt ­Marija Bokor. «Wir tauschen uns aus, wir sind ein Team», erzählt die 24-jährige St. Galler Pianistin, die sich in Luzern bei Konstantin Lifschitz auf ihr Solistendiplom vorbereitet. «Mein Vater war mir immer ein Vorbild. Wie er übte und ich merkte, wie er mit dem Üben zum Erfolg kam, das hat meine Kindheit geprägt.»

Geiger Robert Bokor, bis 2007 Zweiter Konzertmeister im Sinfonie­orchester St. Gallen, ist froh, dass Marija von Anfang an sehr selbstständig ihren eigenen Weg gesucht hat. «Ich begegne ihr als Musiker heute auf Augenhöhe», sagt der 49-Jährige. Dem Vater gefällt der Klang ­seiner Tochter. «Sie ist zum Glück nie in dieser überzüchteten pianis­tischen Turbowelt gelandet, in der Welt der blossen Finger­beweger.»

Musikmachen ist auch ein Forschungsprozess

In ihrer Kindheit sei sie nie getrimmt oder in eine bestimmte musikalische Ecke gedrängt worden. Gab es nie jugendliche Rebellion? Marija Bokor verneint und sagt: «Je mehr Eltern ihre Kinder loslassen können, desto näher sind sie ihnen.»

Die Pianistin hat früh von ihrem Vater gelernt, dass Musikmachen auch ein Forschungs­prozess ist. Wie findet man den Weg zu einem Komponisten, wie studiert man eine Partitur? Das sei nicht nur Technik und Drill, sondern immer auch Teil einer umfassenderen Bildung. «Das hat mir mein Vater vorgelebt», sagt Marija, die immer schon in der grossen Bibliothek zu Hause in die Welt der Literatur und der Kulturen eingetaucht ist. «Man braucht einen weiten Horizont, um als Künstlerin zu einer Persönlichkeit zu werden.»

Robert und Marija musizieren viel zusammen, als Duo, mit Kammermusik, aber auch in der Kombination Dirigent – Solistin. Die beiden haben das Tripel­konzert von Beethoven und das Doppelkonzert von Mendelssohn zusammen gespielt. Und Robert hat Marija als Dirigent bei Mozart- und Beethoven-Klavierkonzerten väterlich gestützt. «In so vielen verschiedenen Kombinationen mit meinem Vater als festem Partner, da habe ich sehr viel Erfahrung gesammelt. Ich habe gelernt, auf den anderen zu hören. Das kommt mir heute auch beim Begleiten von Sängern sehr zu­gute», sagt Marija Bokor.

Dirigieren braucht mehr Flexibilität

Robert Bokor hat sich in den letzten Jahren als Dirigent ein weiteres musikalisches Standbein ­aufgebaut. Er steht am Pult des Arpeggione Kammerorchesters in Hohenems, ist aber auch in Europa und vor allem in China ein gefragter Gastdirigent. «Als Solist muss ich mir eine klar festgelegte Interpretation erarbeiten. Als Dirigent muss ich, auch abhängig, in welcher Kultur ich arbeite, flexibler mit der Musik und der Entwicklung einer Interpretation sein», sagt Robert Bokor. «Aber diese Flexibilität ist das Faszinierende am Dirigieren.»

Die aus Serbien stammenden Eltern – Marija Bokors Mutter ist Cellistin – haben sich nicht ins Üben ihrer Tochter eingemischt. «Sie kamen nie ins Zimmer, um mich zu korrigieren, sondern haben mir immer allen Freiraum gelassen.» Heute spielt Marija ihren Eltern jedes neue Programm vertrauensvoll vor und zählt auf deren Urteil. Im August hat sie mit ihrem Cellisten und solistisch ein spannendes Engagement: In Bayreuth gibt es neben den Festspielen eine Reihe für junge Künstler. Eine tolle Plattform für die aufstrebende Pianistin, die nächstes Jahr im KKL Luzern mit dem Luzerner Sinfonieorchester ihr Solisten­diplom spielen wird, mit einem «russischen Schlachtross» von Klavierkonzert. Mehr verrät ­Marija noch nicht.

Die Tatsache, nie von elter­lichem Ehrgeiz in eine bestimmte Richtung gepusht worden zu sein, prägt auch Marija Bokors Blick auf die Zukunft. «Ich möchte als selbstständige Musikerin meinen Weg machen. Reisen, konzertieren, unterrichten. Ich mache alles für dieses Ziel, aber ohne den realistischen Blick auf die Umstände einer Karriere in heutiger Zeit zu verlieren.»

Dass sie sich offen über alles austauschen, dass sie musikalisch harmonisch als Partner agieren, darauf ist Vater Robert Bokor im Gespräch immer wieder spürbar stolz und dankbar. Er möchte als Geiger weiterhin pädagogisch in St. Gallen verwurzelt sein, wo er an der Kantonsschule am Burggraben unterrichtet. Aber auch als Dirigent «auf die grossen Ozeane hinausschwimmen», wie er humorvoll auf sein Sternzeichen Fische anspielt. «Dieser Spagat zwischen Verwurzeltsein und in die Welt hinaus gehen schenkt mir Be­friedigung.»

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