SOMMERSERIE: «Früher Drill ist unsinnig»

In der Wattwiler Familie Ostendarp verbinden sich Klassik und Rockjazz. Vater Hermann leitet das Jugendorchester Il Mosaico. Sohn Till Ostendarp ist der musikalische Partner des Zürcher Shootingstars Faber.

Hansruedi Kugler
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Till und Hermann Ostendarp neben ihrem Haus in Wattwil. (Bild: Benjamin Manser)

Till und Hermann Ostendarp neben ihrem Haus in Wattwil. (Bild: Benjamin Manser)

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

«Hierher gehe ich jeweils in die Reha», sagt Till Ostendarp und lächelt noch leicht verschlafen. Der junge Musiker steht um zehn Uhr im Garten des Elternhauses in Wattwil, befindet sich karrieremässig aber gerade auf der Überholspur. Als musikalischer Partner des Zürcher Songwriters Faber tourt er mit diesem von Club zu Club. In Deutschland gehören sie mit ihrem leicht psychedelischen, rohen, aber hochmusikalischen Sound und den düster-melancholischen Texten derzeit zu den angesagtesten Bands. Live sind sie eine Wucht. Die paar Tage Erholung im Toggenburg kann Till Ostendarp deshalb gut gebrauchen. Obwohl: «In unserer Familie sind alle ziemlich energetisch drauf», sagt er. Sein Vater Hermann ist dafür das beste Beispiel. Der ist unterdessen sozusagen ein Marathonläufer in der hiesigen klassischen Musik. Denn das von ihm vor 27 Jahren gegründete klassische Jugend­orchester Il Mosaico an der Kanti Wattwil, an der er unterrichtet, hat er zu den besten des Landes gemacht. Violinist Ostendarp ist international hervorragend vernetzt, fördert junge Talente, ist ständig am Organisieren von Konzerten, und einmal im Jahr geht es mit dem ganzen Orchester auf Auslandtournee.

Erst in der dritten Klasse das erste Instrument

Drückt man in einer Musiker­familie schon dem dreijährigen Sohn die erste Kindervioline in die Hand? Hermann Ostendarp winkt ab: «Diese Art extremer Frühförderung wird total überschätzt», sagt er. «Den frühen Drill, so wie es viele Asiaten machen, finde ich komplett falsch, das ist unsinnig.» Das erste In­strument nahm Till erst in der dritten Klasse in die Hand – zuerst war es das Schlagzeug, später kam auf Anraten des Vater die Posaune dazu: Mit der Posaune könne er das Rhythmische des Schlagzeugs um Melodik und Harmonik erweitern. Mit diesem Instrument spielte Till dann auch im Orchester des Vaters, allerdings instrumentenbedingt in den hinteren Reihen. «Wohl deshalb sind wir auch nie aneinandergeraten», sagt Till. Als Violinist wäre er im klassischen Orchester um einiges exponierter gewesen. Zum Thema musika­lische Frühförderung hat Hermann Ostendarp eine dezidierte Meinung. «Die Entwicklung sollte natürlich geschehen. Meine Frau leitet mehrere Chöre. Mit unseren Kindern haben wir immer viel gesungen, Musik war selbstverständlicher Teil unseres Alltags.» So sind denn alle drei Kinder sozusagen von alleine gute Musiker geworden. Zum Beruf gemacht hat es aber nur Till. Sein Bruder studiert Jura, seine Schwester hat internationale Beziehungen studiert. Und wenn man sieht, mit welcher Energie und Originalität Till Ostendarp mit Faber, mit dem Pirmin Baumgartner Orchester (2014 auch am Open Air St. Gallen), und als Elektroniktüftler Musik macht, scheinen diese Freiheiten schmackhafte Früchte zu tragen.

Zweifel am Talent des Sohnes hatte Hermann Ostendarp offenbar nie. Schon vor fünf Jahren, da begann Till gerade mit der Jazzschule in Luzern, sagte er in einem Interview: «Wenn man in der Musikszene Fuss fassen will, braucht man Persönlichkeit, Originalität und musikalische Vielfalt. Till bringt das alles mit.»

«Es geht darum, mit Musik zur Persönlichkeit zu reifen»

Als Violinist ist der 58-jährige Hermann Ostendarp zwar fest in der Klassik zu Hause. In seiner Jugend aber habe er Rockbands wie Deep Purple und Yes gehört, später dann Jazz. Eine Solokarriere habe er nie angestrebt: «Das ist nicht mein Ding. Erfolg ist ja etwas Relatives.» Versteckt er da nicht ein bisschen seinen Ehrgeiz? «Gar nicht. Die vielen Jahre mit dem Jugendorchester sind grossartig.» Und er wird noch grundsätzlicher: «Als dann meine eigenen Kinder ins Orchester kamen, erlebte ich diesen Wert noch mal stärker. Darum geht es doch, dass die Menschen Werte mitbekommen und mit der Musik zu Persönlichkeiten reifen. Dann kann man als Musiker, Vater und Lehrer zufrieden sein.»

Der gebürtige Deutsche kam vor 35 Jahren für einen Teilzeitjob nach Wattwil und blieb hier hängen. Gibt es wieder mal eine Zusammenarbeit Vater/Sohn? Wie vor fünf Jahren, als sie die Musik zum Freilichttheater «Ein Sommernachtstraum» beisteuerten: Vater Ostendarp mit dem Streicherorchester, Sohn Till mit seiner Jazzband. «Wenn ich mal einen Streichersatz für eine Komposition brauche, frage ich sicher zuerst meinen Vater», sagt Till. Dieser relativiert gleich: «Wenn das so wie bei Frank Zappa läuft, sofort. Aber so ein Rock-meets-Classic-Ding finden wir beide scheusslich.» Noch ein Vorurteil gilt es zu revidieren: Am Ess­tisch der Ostendarps wird nicht nur über Musik geredet, sondern ebenso viel über Politik und ­Fussball. Hermann Ostendarp ist Fan von Borussia Mönchengladbach und hat auch schon mit Il Mo­saico zur Europameisterschaft die Hymnen der teilnehmenden Länder in ein Konzert verpackt.