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An den Solothurner Literaturtagen geben die Frauen den Ton an

Frauenoffensive und Weltuntergang wurden dieses Jahr debattiert. Die Literaturtage verbuchen 17800 Eintritte. Stargast war Ferdinand von Schirach. Im originellen Abendprogramm: Fussballlesung.
Hansruedi Kugler, Solothurn
Lucas Marco Gisi, Julia von Lucadou und Heinz Helle diskutieren über dystopisches Schreiben. (Bild: Mirjam Bächtold)

Lucas Marco Gisi, Julia von Lucadou und Heinz Helle diskutieren über dystopisches Schreiben. (Bild: Mirjam Bächtold)

Fussballlesung - hier mit Wolfgang Bortlik. (Bild: Samuel Mühleisen)Fussballlesung - hier mit Wolfgang Bortlik. (Bild: Samuel Mühleisen)
Julia von Lucadou und Heinz Helle. (Bild: Mirjam Bächtold)Julia von Lucadou und Heinz Helle. (Bild: Mirjam Bächtold)
Schriftsteller Ferdinand von Schirach im Gespräch mit dem Zürcher Literaturprofessor Philipp Theison. (Bild: Mirjam Bächtold)Schriftsteller Ferdinand von Schirach im Gespräch mit dem Zürcher Literaturprofessor Philipp Theison. (Bild: Mirjam Bächtold)
Reina Gehrig, Geschäftsführerin der Solothurner Literaturtage. Sie eröffnete die diesjährigen Literaturtage. (Bild: Roland Schmid)Reina Gehrig, Geschäftsführerin der Solothurner Literaturtage. Sie eröffnete die diesjährigen Literaturtage. (Bild: Roland Schmid)
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Die Frauen geben den Ton an

Literatur oder doch Fussball? Die Frage stellte sich auch in Solothurn am Samstagabend. Die Literaturtage verbinden locker beides: humorvoll, sportlich, aktuell. Am linken Aareufer steht man sich vor einer Bar – die nicht zu den Literaturtagen gehört – die Beine in den Bauch vor dem Grossbildschirm. Schliesslich läuft der Champions League Final: Liverpool gegen Tottenham.

Am rechten Aareufer, Open-Air, unter Lichtgirlanden, liest Bänz Friedli aus seinen Fussballkolumnen – und Peter Bichsel hört lächelnd zu, neben ihm Patrick Tschan, der Präsident der Schweizer Schriftsteller-Fussball-Nationalmannschaft. Peter Bichsel hat zuvor am Nachmittag den «stilvollsten, formvollendeten, elegantesten Ankick» gegeben, sagt Bänz Friedli. Wie jedes Jahr übrigens, beim traditionellen Fussballmatch der Raketen Solothurn gegen die Schriftsteller-Nati. Solothurn also verbindet Kulturen.

Jahresmotto: Frauen, zeigt Euch!

Traditionen hält man hier an den Literaturtagen ohnehin hoch. Werkschau der Schweizer Literatur, ein paar illustre Gäste aus dem Ausland, Debatten über den Zustand der Welt und der Literatur. Dieses Jahr markierte schon die Eröffnungsveranstaltung am Donnerstagabend das Festival-Thema des Jahres: Frauen, zeigt Euch! Mit der Geschäftsführerin Reina Gehrig, der Nationalratspräsidentin Marina Carobbio Guscetti, einer Musikerin und fünf Autorinnen haben ausschliesslich Frauen das Literaturfest eröffnet. Und haben damit dokumentiert, dass die Buchbranche eine weibliche ist, im Unterschied zur Politik, in welcher Frauen noch immer untervertreten sind, sagte Carobbio.

Zu wenige Frauen in Jurys und Medien

Zurücklehnen in der Frauenförderung aber ist nicht angezeigt. Darin waren sich die Autorinnen Annette Hug sowie Silvia Ricci Lempen und Dani Lütolf vom Buchhändler- und Verlegerverband einig, die auf einem Podium über Machtstrukturen im Literaturbetrieb diskutierten. Zwar sind die meisten Lesenden Frauen, Buchhändlerinnen weit häufiger als Buchhändler, alle Literaturhäuser in der Schweiz werden von Frauen geleitet. Und die Zeiten, als Frauen nur mit dem Etikett «Fräuleinwunder» im Literaturbetrieb Aufmerksamkeit bekamen, sind zum Glück vorbei. Aber in Entscheidpositionen von Jurys und Medien sind Frauen untervertreten, weshalb Autorinnen seltener geehrt und besprochen werden. Beim literarischen Kanon in Schulen und an Universitäten sind immer noch Autoren häufiger als Autorinnen aufgeführt. Die Philosophin Silvia Ricci Lempen meinte selbstkritisch zu ihrer Lesebiografie: In ihrer Jugend sei Thomas Mann ihr Literaturheld gewesen – bis sie realisiert habe, dass dessen behauptete universelle Gültigkeit geprägt sei von seiner männlichen Sicht auf die Welt. Sie habe lernen müssen, dass die weibliche Lebensrealität und Sichtweise genauso universell sei.

Die Literaturtage müssen sich keine Vorwürfe machen: In der Programmkommission wie bei den eingeladenen Autorinnen und Autoren sind die Geschlechter gleichmässig vertreten. So waren denn auch keine Protestschreiben, Manifeste oder Petitionen zu sehen. Man belässt es derzeit mit klugen Diskussionen.

«Um meinen Freunden nicht ständig mit meinem Pessimismus auf die Nerven zu gehen, schrieb ich diesen Roman.»
Karen Duve

Geht die Welt bald zugrunde?

Zumindest rhetorisch feuriger ging es in der Diskussion um Dystopien zu. Negative Zukunftsschau ist aber nicht nur für Julia von Lucadou und Heinz Helle, beide waren letzten Herbst für den Schweizer Buchpreis nominiert, in erster Linie Gegenwartskritik. Die deutsche Autorin Karen Duve, die den Solothurner Literaturpreis bekam, sprach ihren Zorn offenherzig aus: «Meine Recherchen zeigen mir, wie schlimm es um unseren Planeten steht.» Und zur Schreibmotivation: «Um meinen Freunden nicht ständig mit meinem Pessimismus auf die Nerven zu gehen, schrieb ich diesen Roman.» So müsse nun «Macht» dieses Gefühl mittragen. In den deutschen Feuilletons war der Roman aus dem Jahr 2016 als «Horrorstory mit fehlender Ambivalenz» verrissen worden.

«Es ist falsch, wenn man dystopische Romane auf ihre pädagogische Warnung reduziert.»
Philipp Theisohn

Dystopien machen beim Schreiben auch Spass

Dem Zürcher Literaturprofessor Philipp Theisohn war die Gegenwartskritik als literarische Sichtweise zu eng: «Es ist falsch, wenn man dystopische Romane auf ihre pädagogische Warnung reduziert.» Eine Szenerie zu entwerfen sei literarisch reizvoll und mache in der Übertreibung und im Grotesken auch mal Spass, bestätigte Julia von Lucadou. Ihr Roman «Die Hochhauspringerin» über eine entmenschlichte Leistungsgesellschaft mit Totalüberwachung sei jedoch tatsächlich aus Gegenwartsangst heraus entstanden. «Mir macht es aber Mut, dass gerade so viele Autorinnen und Autoren sich mit der Welt beschäftigen und nicht nur mit der eigenen Kindheit.»

«Wir sind alle gut und böse, trotzdem ergibt sich erst zusammen ein Ganzes»
Ferdinand von Schirach

Schirach schreibt für die Ambivalenz des Menschen

Dass die Literaturtage über ihren Schatten springen können, war mit der Einladung des Krimiautors Andreas Niedermann und des dokumentarischen Romanautors Willi Wottreng erfreulich festzustellen. Lukas Hartmann, Ruth Schweikert, Thomas Hürlimann und viele weitere Schweizer Autorinnen und Autoren waren zudem zu hören. Als Stargast musste man Ferdinand von Schirach empfinden, der aus dem autobiografischen Band «Kaffee und Zigaretten» las, aber vor allem süffige Anekdoten erzählte, über Verbotskultur lästerte und einen Vortrag über seine Schreibmotivation hielt. Der ehemalige Strafverteidiger brachte es auf den Punkt: «Wir sind alle gut und böse, trotzdem ergibt sich erst zusammen ein Ganzes.» Literatur also als Expertin für Ambivalenz. Kann man als Merksatz mit nach Hause nehmen.

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