Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

SOLOPROGRAMM: Mike Müller: «Ich stelle die Vertrauensfrage!»

In seinem neuen Soloprogramm schaut Mike Müller in Abgründe der Gemeindeversammlung: süss-scharfes Kabarett, zugespitzte Komödienfiguren und politische Einsichten. Sehr lustig! Am Freitag war er in Herisau, im Februar ist er in St.Gallen.
Hansruedi Kugler
Charmanter Choleriker: Raoul Furrler alias Mike Müller. (Bild: André Albrecht)

Charmanter Choleriker: Raoul Furrler alias Mike Müller. (Bild: André Albrecht)

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler@tagblatt.ch

«Das war ein Fehler» – gerade noch hat Gemeindepräsident Raoul Furrler verärgert die Vertrauensfrage in die vollbesetzten Reihen seiner Bürger und ins Theaterpublikum gerufen, schon sackt er zusammen. Ja, hätte er nur diesen ewigen Nörgler, diesen unsympathischen, aufgeblasenen Neuzuzüger und Züri­schnorri Habegger ausbürgern können – ja dann wäre ihm die Blamage erspart geblieben. Da hat der Furrler zu hoch gepokert mit der Gemeindefusion. Klar, bei diesem Thema gehen die Wogen hoch, und das wissen auch viele im Publikum. Man fühlt sich deshalb angenehm angesprochen. Und weil hier fröhlich auf alle Seiten Spott ausgegossen wird, ist der Abend auch für jedermann ein Spass. Mike Müller spielt den Furrler als gemütlich-leutseligen und autoritären, aber sympathischen Choleriker. Weil ihm aber ein Querulant in die Suppe spuckt, muss er uns nun im Rückblick über jenen verhängnisvollen Abend erzählen, der ihn Amt und Würde kostete.

Die Geschichte hat einen einfachen Spannungsbogen und läuft auf eine Eskalation hinaus. Müller springt dabei immer wieder zwischen beiden Zeiten hin und her, spielt virtuos alle Rollen in dieser äusserst realitätsgesättigten Dorfposse selbst: den lässig im Stuhl hängenden Gemeindeschreiber Marco Giannini, ein Fussballfan mit Basler Dialekt; die spitzzüngige Technokratin Karin Roth als strenge Finanzchefin natürlich mit Zürcher Dialekt; den Habegger mit schnarrendem Züridütsch; Abgesandte aus dem Wallis und dem Muotatal ebenfalls mit dortigem Dialekt, die beide ihr Lagerhaus der Schulgemeinde vermieten wollen; die verschupfte Motionärin, die eine Gemeindesubvention für Kindergeburtstage verlangt – 250 Franken, denn es sei doch ungerecht, dass die einen fast nichts bekämen, andere mit dem Super-Puma in den Europapark Rust fliegen. Der Staat müsse ­eingreifen! Reines Kabarett, in dem Mike Müller die satirische Trumpfkarte ausspielt und die politische Korrektheit karikiert.

Satiriker und Querulanten tun der Demokratie gut

Man kann den ganzen Abend über den aufbrausenden Dorfkönig lachen. Müller aber darf man nicht unterschätzen. Der stellt nicht nur eine Komödienfigur auf die Bühne. Er würzt den Abend mit realhelvetischen, entspannten Einsichten: Secondos reden da in breitestem Berndütsch, sind gar Gemeindeschreiber oder Buchhalterin auf dem Waffenplatz und wissen besser über die Skirennfahrer Bescheid als Furrler; Gemeindepolitik habe nichts zu tun mit den Schreihälsen der nationalen Politik – und zwar parteiunabhängig. Das ist wohltuende Aufklärung. Müller alias Forrler spottet im Gegenzug über sexuelle Überkorrektheit. Als sein jugendlicher Sohn auf die Frage, ob er im Klassenlager auch mal «Seich» gemacht und nachts zu den Mädchen geschlichen sei, treuherzig sagt, «Nei isch nei», bringt das Furrler in Rage: «Bei uns hiess ein Nei so viel wie ja schauen wir mal.»

Wegen einer Strafe für einen Lausbubenstreich zum Stimmenzähler verdonnert, dann vom windigen Gemeindepräsident ­erpresst – Furrlers Laufbahn ist ein komödiantisches Beispiel für Mauschelei, Drohung und hemdsärmligen Dorfchauvinismus. Grossartig subtil sein erster Auftritt: Wie er die Reihen abschreitet, hier ein «Sag, warst du in den Ferien?», dort ein «Ich habe heute mit der Spitex telefoniert, Problem gelöst» vor allen und zu allen gesagt: Damit macht er klar, dass er alles über alle weiss. Gespielte Jovialität als Signal an die Gemeinde: Ich habe Euch im Griff. Dass er trotz dieses Rezepts am Ende scheitert, ist ein geradezu eidgenössisch optimistischer Kommentar auf die chaotische Basisdemokratie.

Es ist zu vermuten, dass Müller in der Rolle des scharfzüngigen Satirikers Gemeinsamkeiten sieht mit dem Querulanten, der den Politiker bodigt. So wäre die heimliche Botschaft des Stücks: Satiriker und Querulanten muss man nicht mögen, sie tun der Demokratie aber eben doch gut.

1., 2. und 3. Februar, je 20 Uhr, Kellerbühne, St. Gallen

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.