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Liedbegleiter Helmut Deutsch:
«Viele Sänger sind Mimosen»

Seit Jahrzehnten begleitet Helmut Deutsch Startenöre und sensible Primadonnen; ein Liedfestival wie die Schubertiade ohne ihn wäre undenkbar. In seinen Memoiren erweist er sich als hinreissender Erzähler.
Bettina Kugler
Helmut Deutsch gibt in seinem Buch fast nichts Privates preis: «Es geht nicht um mein Leben, sondern um mein Leben als Liedbegleiter.» (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)Helmut Deutsch gibt in seinem Buch fast nichts Privates preis: «Es geht nicht um mein Leben, sondern um mein Leben als Liedbegleiter.» (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)
Der Pianist mit dem Luzerner Tenor Mauro Peter. (Bild: Christian Felber)Der Pianist mit dem Luzerner Tenor Mauro Peter. (Bild: Christian Felber)
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Solo für einen Sängerversteher

Es gibt sie: Liederabende, an denen einfach alles stimmt. Der Sänger ist in Hochform, ist gut vorbereitet, aber dennoch spontan, geistreich, von Herzen ausdrucksvoll. Der Flügel steht nicht dazwischen, er verbindet vielmehr zwei Musiker, die jede Regung des anderen verstehen und unmittelbar aufnehmen. Solche Sternstunden, sie können sich auch hinter den Kulissen, bei Proben ereignen, machen Stars bescheiden – und sprachlos. Der Alltag sieht anders aus. Er besteht aus Lücken oder Überschneidungen in der Agenda, aus Reisen, guten und weniger guten Flügeln, aus technischen Problemen und menschlichen Marotten.

Auch diese kennt Helmut Deutsch so gut wie kein zweiter Liedbegleiter, und endlich erzählt er einmal davon: Beobachtungen und Anekdoten aus mehr als fünfzig Jahren Zusammenarbeit mit namhaften Sängerinnen und Sängern wie Hermann Prey, Brigitte Fassbaender, Peter Schreier, Jonas Kaufmann und vielen anderen. Seit ein paar Jahren tritt der 1945 in Wien geborene Pianist oft mit dem Jungstar aus seiner Münchner Liedklasse auf: dem Schweizer Tenor Mauro Peter. Ihm und einer ganzen Reihe weiterer Kollegen hat Deutsch eigene Kapitel seiner gerade erschienenen Memoiren gewidmet.

Das passt zur Gepflogenheit bei Liederabenden, dass erst der Sänger auf die Bühne tritt und nach ihm sein Klavierbegleiter: derjenige, der den Gesang auf Händen trägt. «Gesang auf Händen tragen», so lautet denn auch der Titel des wunderbaren Buchs, mit dem Helmut Deutsch Einblick gibt in die Kunst der Lied­begleitung, in seine Arbeit als musikalischer Lichttechniker von Charakterbildern oder Minidramen – nichts anderes sind die meisten Klavierlieder von Schubert bis zur Gegenwart.

Ein Rat von der Sopranistin an den Jüngling

«Der Sänger ist die Nummer eins. Er steht vorn im Mittelpunkt und hält sein Gesicht hin», sagt Deutsch. Es hat bei ihm nichts mit falscher Bescheidenheit zu tun. Eher damit, dass er sich seitlich der Bühne viel wohler fühlt. «Ich würde auch mit dem Rücken zum Publikum spielen.» Wichtig ist ihm, den Sänger im Blick zu haben. Ein Schattendasein? Ja, vielleicht noch auf Konzertplakaten, manchmal auch bei der Höhe der Gage. Doch wie wichtig sein Part ist, hat ihm die Sopranistin Irmgard Seefried als Jüngling mitgegeben, wenn er für ihren Geschmack zu wenig aktiv spielte:

«Schätzelchen, das sind deine Soli, da muss etwas von dir kommen!»

Allein an der Schubertiade in Hohenems, Feldkirch und Schwarzenberg war Deutsch in mehr als hundert Konzerten zu hören. Unterwegs ist er weltweit; nach einem Rezital mit Mauro Peter in München ist er gerade auf dem Weg nach Zürich und hat ein unverplantes Wochenende vor sich: ein glücklicher Zufall. Wenn er schon einmal zu Wort kommt, dann redet er gern – vom Zwischenmenschlichen, von Schwächen und Eitelkeiten ebenso wie vom Handwerk und dem, was es zu Kunst macht.

Intimität bei der Arbeit

Vom Menschen ist das nie zu trennen, dies macht für Helmut Deutsch die Qualität seiner Arbeit aus. Wohl auch deshalb hat es ihn früh zum Lied hingezogen. «In der gemeinsamen Arbeit mit diesen Texten, Gedichten über die Liebe mit all ihren Facetten und Folgen, von Hoffnung und Sehnsucht über Verrat, Enttäuschung und Treue bis in den Tod, entsteht eine grosse Intimität», sagt er. «Da kommt man sich zwangsläufig sehr nahe.» Es stimme schon, viele Sänger seien Mimosen. Das mag mit der Empfindlichkeit der Stimme zu tun haben. Der Stressfaktor ist das höher als bei Instrumentalisten. Deutsch erinnert sich an Peter Schreiers letzten Auftritt, den er begleitete. «Es lief grossartig, und ich fragte ihn: Willst du im Ernst aufhören? Da meinte er nur: Weisst du, sechzig Jahre lang morgens aufstehen mit der bangen Frage, ob die Stimmbänder in Ordnung sind, das reicht jetzt.»

War er bei Hermann Prey, den Deutsch als Mittdreissiger in dessen besten und erfolgreichsten Jahren begleitete, der unerfahrene «Jungspund», so lockt er den 31-jährigen Mauro Peter oft aus der Reserve, wenn dieser sich emotional zu bedeckt hält. Etwa beim Beginn von Schumanns «Dichterliebe». «Da frage ich schon mal väterlich: Sehnen und Verlangen wonach? Dass du ihre Hand halten darfst? So tönt das gerade.» Aus einem begabten Sänger wird so einer, der sein Publikum tief berührt, sich in die Seele blicken lässt. «Einer wie Jonas Kaufmann kann bei Proben sehr aus sich herausgehen.» Helmut Deutsch lächelt.

«Da ist schon ein Hauch Erotik in einer solchen Beziehung.»

Diskussionen darüber, ob der Flügel geschlossen bleibt, um den Sänger klanglich nicht zu gefährden, gibt es keine mehr – in seinen Anfängen war es noch so. «Am I too loud?», so hiess das Buch, das Dietrich Fischer-Dieskaus Begleiter Gerald Moore 1962 schrieb. Ein Klassiker, allein schon, weil Begleiter diskrete Menschen sind. «Damals klang das Klavier oft wie aus dem Nebenzimmer, wie ein Hintergrundrauschen», sagt Deutsch.

«Heute hören die Sänger viel genauer auf das, was ich mache, und die meisten befassen sich viel gründlicher mit der Musik, nicht nur mit ihrer Stimme.»

Bei vielen letzten Auftritten sass er am Flügel; er selbst fühlt sich nach wie vor frisch, übt und arbeitet weiter, auch am Vertrauten. «Es ist schon sehr beglückend, auch an so oft gespielten Zyklen wie Schuberts Winterreise immer wieder etwas zu entdecken, was einem in so vielen Jahren vorher nicht aufgefallen ist.» Oft ergibt es sich im Austausch mit dem Sänger, oft gänzlich unverhofft, im Konzert oder beim Proben. Momente, in denen Hermann Prey mit der Hand auf den Flügel schlug und rief: «Ist das nicht einfach phantastisch? Was haben wir doch für einen Traumberuf!»

Helmut Deutsch: Gesang auf Händen tragen. Mein Leben als Liedbegleiter. Henschel, 240 S.,
Fr. 38.-

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