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Festival der Musikhochschule Luzern: Sogar die Bohrmaschine musiziert

Das Festival «Wege der Wahrnehmung» präsentiert Werke des dänischen Komponisten Simon Steen-Andersen. Er spielt mit Klassikklischees und wagt Ausflüge ins Performative. Ein Probenbesuch.
Katharina Thalmann
Probe mit Musikstudent Corentin Marillier im Konservatorium Dreilinden. Im Hintergrund die projizierten Hände. (Bild: Nadia Schärli, 3. April 2019)

Probe mit Musikstudent Corentin Marillier im Konservatorium Dreilinden. Im Hintergrund die projizierten Hände. (Bild: Nadia Schärli, 3. April 2019)

Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern im Park auf Dreilinden Luzern. Ideale Bedingungen, um ein Stück mit dem Titel «Black Box Music» zu proben, oder? Im zugestellten Mehrzweckraum sitzen fünfzehn Musikerinnen und Musiker um den dänischen Komponisten Simon Steen-Andersen. Zeitgenössische Musik verlangt eine Menge Material.

Hinter ihm stehen elektronische Utensilien, eine Leinwand und die schwarze Box. Diese Kiste ist quasi das Soloinstrument: Ein weiterer Musiker, in dem Fall Perkussionist Corentin Marillier, «spielt» in der Box. Was seine Hände machen, wird mittels Kamera auf die Leinwand projiziert. Die Box hat Marillier eigens für diese Aufführung gebaut.

Ironischer Kommentar auf den Maestrokult

Hat Steen-Andersen die Rolle des Dirigenten? «Das ist die Inspiration, ja. Denn manchmal sass ich im Konzert und wusste gar nicht, was der Dirigent genau macht. Als würden das Orchester und der Dirigent eine andere Stimme spielen. Wenn dann plötzlich wieder eine Bewegung und ein Klang synchron passierten, fühlte sich das an wie eine Konsonanz – ein Durakkord, sozusagen.»

So lässt sich «Black Box Music» als ironischer Kommentar auf den Maestrokult lesen. Denn die übergrossen Videohände ergänzen die Musik um eine humoristische Ebene: Daumen hoch, Daumen runter, auch ein kleiner roter Vorhang wird immer mal wieder geöffnet und geschlossen. Damit trotzdem alle im gleichen Takt spielen, tragen die Musikerinnen und Musiker Kopfhörer, auf denen ein Click-Track das Tempo vorgibt. Ein digitaler Dirigent sozusagen.

Daran müssen sie sich gewöhnen, und so verbringt Steen-Andersen in der Probe viel Zeit damit, die Lautstärke der einzelnen Kanäle einzustellen. Die Spielerinnen und Spieler sollen ja nicht nur das Klicken hören.

Doch wer ist dieser Komponist, der so spielerisch mit Klischees aus der Musikwelt umgeht? Der Däne lebt in Berlin und ist seit 2018 Kompositionsprofessor in Bern. In Luzern war er dieses Studienjahr Gastprofessor. Das Festival «Wege der Wahrnehmung» ist sein letzter Luzerner Besuch in dieser Funktion. 2017 wurde er mit dem renommierten Kompositionspreis der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung geehrt.

Doch der 42-Jährige fühlt sich nicht nur in der klassischen Kompositionswelt zu Hause. Er ist auch Installationskünstler, inte­griert alle möglichen Medien in seine Stücke und performt selber immer wieder. So auch am Hochschulfestival dieses Wochenende im Neubad. Neben «Black Box Music» von 2012 wird ein weiteres Stück aufgeführt, das für Steen-Andersens Werk repräsentativ ist: «Run_Time_Error» ist eine stetige «Work in Progress», bei der er Räume zum Klingen bringt. Ausgerüstet mit Kamera, Mikrofon und diversen Schlagzeugstöcken rennt er durch ein Gebäude. Das klingende Resultat auf Video ist eine Mischung aus Noise-Musik und Kunstperformance. Für Luzern entsteht derzeit eine Neubad-Edition.

Bohrer kann Crescendi und Decrescendi spielen

Überhaupt hat er eine Vorliebe für ausgefallene Klänge. In «Black Box Music» kommt jede Menge Perkussion zum Einsatz, so auch eine summende Bohrmaschine oder Schleifpapier. Der Bohrer weckt Zahnarztassoziationen, doch bei genauem Hinhören ist auch sie imstande, Crescendi und Decrescendi zu spielen, die Klänge zu beschleunigen oder zu verlangsamen.

Damit das Publikum das alles nachvollziehen und mithören kann, wird die Partitur in der Probe sorgfältig auseinandergenommen. Der Reihe nach werden scharfe Glissandi geprobt: zuerst die E-Gitarre («ohne Hall!»), dann der Kontrabass («ohne Lärm, aber lauter!»), das Xylophon («du brauchst einen Plastikschlegel!») und so weiter.

Das Ensemble setzt sich aus Studierenden verschiedener Studienrichtungen zusammen. Einige studieren den Master in zeitgenössischer Musik, andere ­machen das Konzert- oder Pädagogikdiplom. Obwohl sie sich noch an die Spieltechniken gewöhnen müssen, scheint der Spassfaktor hoch zu sein. Und tatsächlich: Nach einer halben Stunde wird die Stelle, die zu Beginn eher wie ein Noise-Dickicht geklungen hat, plötzlich durchhörbar, aufregend und überraschend. Immer wieder verteilt Steen-Andersen Utensilien aus seinem Handgepäckkoffer. «Ich bin immer überrascht, dass sie mich am Flughafen damit durch die Sicherheitskontrolle lassen», lacht er.

Musikfestival «Wege der Wahrnehmung: Infected by Noise»: Freitag, 5. April, 19 Uhr: Porträtkonzert Simon Steen-Andersen. 22 Uhr: Late Night: Step Across The Border – Alexander Schubert.

Samstag, 6. April, 19.30 Uhr: Konzert mit Werken von Simon Løffler, Alexander Schubert und Stefan Keller. Jeweils im Neubad Luzern, Eintritt frei/Kollekte.

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