«Sofort schreiben, egal wo man ist»

Junge Texte, der Literaturförderpreis im Thurgau, unterstützt Jugendliche beim literarischen Schreiben. Vor der dritten Runde haben wir uns bei früheren Gewinnern umgehört: Warum schreiben sie, was lesen sie – und was empfehlen sie Schülern, die sich anmelden wollen?

Dieter Langhart
Merken
Drucken
Teilen
Marios Vettas gewann 2013 zwei Preise bei Junge Texte. (Bild: Nana do Carmo)

Marios Vettas gewann 2013 zwei Preise bei Junge Texte. (Bild: Nana do Carmo)

Was reizt Sie am literarischen Schreiben?

Anaïs Lienhart-Ortega: Freiheit.

Anita Boos: Das Spielen/Jonglieren mit Worten. Schreiben bedeutet für mich, in eine Welt abzutauchen, die man selbst erschaffen kann und wofür es nur Worte braucht, also im Grunde ein einfaches Mittel, das jedoch zu ungeahnten Komplexitäten führen kann, zu ganzen Geschichten.

Julian Oelkers: Ganz ehrlich? Dass sich immer irgendjemand über das Geschriebene aufregt.

Marios Vettas: Gedanken und Ideen aus meinem Kopf präzise ausdrücken können.

Ornella Neri: Das Abschalten vom Alltag, die Vielfalt der Sprache und die verschiedenen Schreibstile. Es lockt mich auch, dass ich der Geschichte jederzeit einen Korb verpassen und sie in den Papiereimer verfrachten kann.

Simon Michel: Am allermeisten reizen mich der Schaffensprozess und die Möglichkeiten, die damit verbunden sind. Es fasziniert mich, dass man lediglich mit Stift und Papier Geschichten, Personen und gar ganze Welten erschaffen und ihnen eine reale Ausdrucksform verleihen kann. In kaum einem anderen Hobby kann man seiner Kreativität solchermassen freien Lauf lassen, ohne an physische Grenzen zu stossen.

Stefanie Gründler: Dinge auszudrücken, für die mir im gesprochenen Wort Zeit und Bilder fehlen.

Lorena Funk: Das literarische Schreiben macht einen grossen Teil von mir aus. Es ist mein Kapital, durch diese Ausdrucksform definiere ich mich, sage ich manchmal (halb!) scherzhaft. Ich finde es nach wie vor erstaunlich, wie das Schreiben wirkt. Wenn plötzlich die Worte sprudeln und sich zu schönsten Sätzen formieren – wunderbar. Am besten geht dies immer noch in der Nacht, ganz alleine, ohne Ablenkung, wenn die Emotionen ungefiltert aufs Papier fliessen können. Denn das steht immer am Anfang – eine Emotion, die verarbeitet werden muss, aus der sich eine konkrete Idee gestaltet. Mich reizt neben dem stillen Schreiben auch das "An den Mann bringen" dieser Kunstform. Gemeint sind damit Lesungen, an denen dem eigenen Text durch stimmliche Gestaltung mehr Ausdruck verliehen werden kann. Mein Bruder ist in der Poetry Slam Szene, seither haben Bücher für mich mehr Bedeutung als einfach nur ein Haufen zusammengehefteter Blätter. Das hat mich wohl auch sehr beeinflusst. Literatur bewegt, erschafft ungeahnte Welten, lässt träumen und macht glücklich. Ich könnte ewig über Schreiben und Literatur Ausführungen machen, aber etwas, was ich von Tim Krohn gelernt habe, muss nun zum Einsatz kommen: Kill your darlings! Also halt ich mich kurz.

Was langweilt Sie bei Literatur?

Lienhart: Vorhersehbarkeit.

Boos: Wenn die Sprache zu wünschen übrig lässt. Wenn sie simpel und vorhersehbar daherplätschert und nichts Besonderes ist oder nicht von Talent zeugt.

Oelkers: Autoren.

Vettas: Trivialität.

Neri: Vorhersehbare Verläufe, die man schon hundert Seiten zuvor riechen kann. Und nicht alles darf rosarot sein. Ich lese ab und zu gerne Bücher, die nicht mit einem Happy End aufhören.

Michel: Ewig lange innere Monologe. Vor allem wenn dadurch immer wieder die gleichen Beziehungen einer Figur zu einem Umstand oder einer Person aufgezeigt werden.

Gründler: Kitsch in allen Formen.

Funk: Sofern die Literatur wertvoll ist, langweilt mich meist nichts an ihr. Lange Passagen, die eintönig wirken mögen, finde ich dann doch irgendwie auch reizend. Mich langweilen da eher die schrecklich schnulzigen Bücher von Nicholas Sparks, Jugend-Fantasy-Schinken, Hypes wie "Fifty Shades of Grey" etc. Lieber entdecke ich spannende neue Autoren, die sich nicht um einen riesigen Fanclub scheren und ihr Ding durchziehen.

Mit welcher Autorin, welchem Autor möchten Sie sich einmal unterhalten?

Lienhart: J. K. Rowling.

Boos: Mit Stefan Zweig, nur lebt er leider nicht mehr – ich liebe seine Wortgewandtheit und den unglaublich grossen Wortschatz, der einem aus seinen Büchern entgegenspringt. Ansonsten mit Peter Stamm!

Oelkers: Daniel Kehlmann.

Vettas: Wenn ich in der Zeit zurückreisen könnte: einen griechischen Philosophen wie Diogenes oder Platon.

Michel: Terry Pratchett. Er ist für mich nicht nur als Autor ein Vorbild, sondern auch als Mensch.

Gründler: John Irving, Gabriel García Márquez, Bertolt Brecht.

Funk: Schwierig zu beantworten. Ganz gerne würde ich mit Jack Kerouac über sein Leben und seine Reisen reden (Er ist der Schreiberling schlechthin.) Oder aber mit Hermann Hesse, da ich seinen "Siddhartha" doch überaus berührend finde. Ganz allgemein liebe ich es, mit Schriftstellern über ihr Schaffen zu reden. Da brennt das gleiche Feuer drin. Und jetzt fällt mir ein, dass ich wirklich gerne mit Walter Moers reden würde. Seine Welten sind immer herrlich abgedreht, er selbst zeigt sich nie in Öffentlichkeit, ja gibt sich tatsächlich nur als Übersetzer des eigentlichen Autors aus (der ein Drache ist, siehe "Enzel und Krete"). Moers weiss sehr sehr viel übers Schreiben.

Wollen Sie einmal Geld verdienen können mit Ihren Texten?

Lienhart: Nein.

Boos: Wenn es sich ergibt oder sich meine Bücher, die ich eventuell veröffentliche, verkaufen, wäre es toll – ja! Ich habe aber nicht den Anspruch, nur mit Schreiben allein meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und die Wahrscheinlichkeit ist nicht besonders hoch, nur vom Schreiben leben zu können.

Oelkers: Natürlich. Aber alles auf diese eine Karte zu setzen, wäre doch sehr dumm.

Vettas: Wollen nicht. Als netter Nebeneffekt stünde ich dem aber nicht ablehnend gegenüber.

Neri: Nein, ich schreibe mehr zur Entpannung und um Worte und Beobachtetes auf Papier zu haben.

Michel: Wollen gerne. Aber ich habe mich damit abgefunden, dass es ein Hobby bleibt. Ich glaube auch nicht, dass ich geeignet wäre, beruflich zu schreiben. Aber den Wunsch, irgendwann einmal ein ordentliches Buch zu veröffentlichen, hege ich natürlich trotzdem.

Gründler: Nein.

Funk: Ja, das ist nicht nur eine schöne Idee, sondern tatsächlich mein Lebensziel in gewisser Weise. Ich verdiene ja schon mit Artikeln bei der Thurgauer Zeit mein Geld, und wenn mich Leute fragen, was ich werden will, antworte ich zumeist: Hauptsache, ich kann schreiben! Journalismus gefällt mir schon sehr. Spannende Themen, Kontakt zu interessanten Menschen. Mit Lesungen kommt auch das eine oder andere Honorar rein – und noch spannender: die Rückmeldung der Zuhörer sowie neue Kontakte mir Interessierten. In Zukunft will ich aber auch wieder mehr Energie für persönliche literarische Projekte aufwenden, die ich dann durch Verlage an den Mann bringen will. Früh übt sich.

Welchen Rat geben Sie Schülern, die bei «Junge Texte» mitmachen wollen?

Lienhart: Such nicht zu weit, schreib über das Offensichtliche.

Boos: Tut es, denn die Schreib-Weekends waren einfach toll. Man wird wirklich unterstützt, bekommt sehr hilfreiche Anregungen, diskutiert im Plenum immer und immer wieder, hört ganz viele andere Texte, die einen bewegen und inspirieren – und nicht zu vergessen, man hat die Chance, an zwei Wochenenden so richtig zu schlemmen.

Oelkers: Selbstkritik und Geduld. Manchmal muss man – im übertragenen Sinn – fünfmal ins Klo langen, um etwas Gutes zu Papier zu bringen.

Vettas: Probiert es einfach aus und schreibt etwas, das spontan euren Gedanken entflohen ist, ganz egal, wie banal es vielleicht klingen mag. Es lohnt sich!

Neri: «Probiere got über studiere». Es ist eine einzigartige Gelegenheit, bei der man tolle Feedbacks von ganz neuen Seiten bekommt. Man lernt spannende, gleichgesinnte Personen auf eine neue Art und Weise kennen, und auch wenn es vielleicht eine gewisse Überwindung braucht, den eigenen Text abzuschicken und ihn fremden Personen vorzutragen, lohnt es sich bestimmt.

Michel: Bei einer Flaute hilft es, sich von jeglichen Erwartungen zu lösen und eine Weile was ganz anderes zu schreiben. Wenn aber das Gegenteil der Fall ist, würde ich folgendes raten: schreibt möglichst sofort los, wenn euch die Inspiration trifft, egal wo ihr gerade seid. Ich habe eine ganze Schublade voller «vermerkter und auf später verschobener Ideen». Wenn der Enthusiasmus verflogen ist, wird daraus meist nichts mehr.

Gründler: Sich nicht mit Klischees und Formen aufhalten.

Funk: Lustigerweise bin ich schon persönlich von Teilnehmern nach Hilfe spezifisch für Junge Texte angefragt worden, fungiere schon fast ein bisschen als Mentor. Ich gebe auf jeden Fall allen den Tip: Lass es raus und schreib! Jungfräuliches Papier ist nicht ansehenswert! Ausserdem ist es in der Welt der Literaten immer gut, wenn nicht gar notwendig, eine Prise Arroganz und Narzissmus in die eigene Person zu streuen, sich als überzeugt von sich zu geben und sich aufzupushen. Schliesslich sind Leser und Zuhörer von unsicheren Schreiberlingen nicht so sehr fasziniert. Schreibende sind ja Künstler, Wortkünstler, die dürfen schon auffallen und ein bisschen anders und abgefahren sein. Die Texte decken sowieso immer viel von der eigenen Person auf. Schreibende sollen zudem auch viel lesen, um im Worte gewandt zu bleiben und auch in der Welt der aktuellen Literatur über ein bestimmtes Grundwissen zu verfügen. In Thema und Textsorte sollen die Schreibenden völlig frei sein – nur an Tagebucheinträgen ist kein Leser so wirklich interessiert (es sei denn, das eigene Leben hat das Zeug zur Biographie). Schreiben ist wie eine Therapie – was man selbst erlebt hat, kann man in Worten verarbeiten. Nur sollte man dabei nicht zu offensichtlich vorgehen, also nicht die realen Namen und Begebnisse widergeben, sondern das erlebte Gefühl herausfiltern und in eine imaginäre Handlung und Umgebung einfliessen lassen. So kommt's am besten, das weiss ich aus Erfahrung.

Welches Buch liest du gerade?

Anaïs: Margaret Thatcher: «The Authorized Biography», Daniel Woodrell: «The Maid's Version».

Anita: «The Girl on the Landing» von Paul Torday.

Julian: «Liebes Leben» von Alice Munro.

Marios: «The Hitchhiker's Guide to the Galaxy».

Ornelia: «Die Bücherdiebin» von Markus Zusak.

Simon: Eine ganze Menge: «Die Zeit, die Zeit» von Martin Suter, «Grave Peril» von Jim Butcher, «The Eyre Affair» von Jasper Fforde, «Great Expectations» von Charles Dickens, «Things to do and make in the fourth dimension» von Matt Parker und «Das Universum in der Nussschale» von Stephen Hawking.

Stefanie: «Memoiren einer Tochter aus gutem Hause» von Simone de Beauvoir, «Schlafgänger» von Dorothee Elmiger.

Lorena: Zur Zeit bin ich ziemlich stark in allerhand Projekte in Zürich eingespannt – Polyball, RCKSTR magazine, Reisevorbereitungen und natürlich die Uni –, so dass mir kaum Zeit zu lesen bleibt. Ich habe aber das Jack-Kerouac-Projekt aufgenommen, das Lesen aller vierzehn fiktional-biographischen Romane des Begründers der Beat Generation. Zurzeit lese ich in ruhigen Minuten "Dr Sax" von Kerouac. Unbedingt lesen will ich auch "Koala" von Lukas Bärfuss, der ja den Schweizer Literaturpreis erhalten hat, sowie das neue Buch von Dorothee Elmiger, zumal wir Junge-Textler persönlich mit ihr sprechen konnten. Dann steht auch noch "Ulysses" von James Joyce ganz weit oben auf meiner Liste – eine literarische Herausforderung, die in Zürich in einem Lesezirkel der James Joyce Stiftung durchgeackert werden kann. Ja, und dann noch alles Mögliche von Hermann Hesse, Paul Auster etc. Anders als früher achte ich nun vielmehr auf den Autor des Buches, nicht primär auf den Inhalt, und natürlich auf die internationale Bedeutung des Werkes in der Welt der Literatur. Gelesen wird bei mir nun auch nur noch in Originalsprache – ausser sie wäre etwa Japanisch.

An welchem Ort liest du am liebsten?

Anaïs: Sofa.

Anita: In der Badewanne (nur tut's dem Buch nicht so gut), im Bett, auf dem Sofa und im Sommer auf einer Wiese, am Ufer eines Sees.

Julian: Auf meinem Thrönchen.

Marios: Irgendwo in der Natur bei gutem Wetter.

Ornelia: Mit der Sonne auf den Buchseiten, aber am liebsten, wenn es dazu noch eine Portion Schnee hat. Zu bequem darf es jedoch nicht sein, da ich bei zu grosser Müdigkeit sofort in das Land der Träume abschweife und die angefangene Geschichte selbst weiterspinne – wobei manchmal tolle Geschichten entstehen.

Simon: Im Zug. Dort schreibe ich auch am liebsten.

Stefanie: Zug, Bett, Park.

Lorena: Ich bin ziemlich viel unterwegs und lese gerne im Zug, aber auch irgendwo im Wald, am Zürichsee oder in einem netten Café – besonders hat es mir das berühmte Odeon in Zürich angetan oder das Cabaret Voltaire ebendort. Ansonsten liebe ich die Couch bei mir zu Hause – kuschelig mit roter Decke und toller Aussicht auf die Bäume und Büsche im Quartier sowie Sonnenuntergänge in Abendstunden. Oder ich lese in meinem Bett (wo die Gefahr besteht, plötzlich wegzunicken.)

Über welches Thema möchtest du längst einmal schreiben?

Anaïs: Familie.

Anita: Über skurrile Geschichten oder Bilder, die sich aus dem Alltag heraus ergeben: Kurzgeschichten über Situationskomik, komische Zufälle, die zeigen, wie klein die Welt ist, oder über eine alte Frau, die einen Hamburger im Zug verdrückt und dazu Coca Cola trinkt.

Julian: Rezeptpflichtige Ruhigsteller.

Marios: Wüsste ich das, hätte ich es schon längst getan.

Simon: Ich habe schon öfters an einem Text rumgebastelt, der von der kompletten Entmystifizierung des Lebens handeln sollte und wie sie sich auf den Alltag auswirken könnte. Also was wäre, wenn wir wirklich unsere Umwelt sowie uns und unsere Mitmenschen und deren Motive durchschauen würden. Bis jetzt hat mich noch kein Entwurf zufriedengestellt.

Stefanie: Über etwas, das rein gar nichts mit mir persönlich zu tun hat.

Lorena: Schon seit längerem würde ich gerne etwas in Richtung Science Fiction schreiben. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, wieso mich dieses Genre so sehr fasziniert, schliesslich kann ich mit dem ganzen technischen Krimskrams nicht wirklich viel anfangen. Deshalb würde ich auch viel eher den Schwerpunkt auf die Reise ins Ungewisse, ins unglaublich grosse Nichts legen. So als Aufbruch in eine neue Welt, aber nicht nur einfach nach Afrika oder Amerika, sondern wirklich gleich an Orte, die unsere Vorstellung zum Explodieren bringen. Das Schöne daran ist ja, dass niemand weiss, wie es wirklich in anderen Galaxien aussieht, als Schreibender und somit Weltenerschaffender hat man somit alle Freiheiten – was mir sehr zusagt. Mit dem realitätsnahen Schreiben hab ich's eh nicht so. Das zeichnet sich auch bei einem anderen Projekt ab, das ich gerne mal in Angriff nehmen würde. Mir schwebt die Geschichte eines in Süditalien lebenden Bohemien vor, der Wahnvorstellungen bekommt und luzide Träume erlebt, in dem ihm seine psychisch labile Ex-Geliebte befiehlt, seine jetzige Flamme umzubringen. Der Protagonist kann die Realität nicht mehr von der Traumwelt unterscheiden und legt seine Liebste dann tatsächlich um. Hier finde ich es spannend, Traum- und reale Sequenzen ineinander zu weben, sodass der Leser sich nicht wirklich sicher ist, was denn nun wahr ist und was nicht.

Einsendeschluss: 10.12.2014

Infos: www.jungetexte.ch