«So will ich auch sein»

Bruce Springsteen ist ein Phänomen. Noch immer ist er auf Tour, seine Konzerte dauern drei Stunden und mehr. Gerade ist eine neue CD erschienen – und ein Buch, das das Phänomen Springsteen zu ergründen sucht.

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Die Gitarre hat ihn gerettet: Bruce Springsteen. (Bild: Sony Music/Danny Clinch)

Die Gitarre hat ihn gerettet: Bruce Springsteen. (Bild: Sony Music/Danny Clinch)

Bruce Springsteen ist 64 Jahre alt und noch immer leidenschaftlich gern unterwegs. «Der Schaukelstuhl muss warten», schreibt die «Süddeutsche Zeitung» denn auch. Anderthalb Jahre lang ist Springsteen gerade mit seiner «E Street Band» rund um den Globus getourt, hat 133 Konzerte gegeben – darunter in Helsinki das längste, vier Stunden und sechs Minuten lang.

Ein Auftritt im Hyde Park

Wer Bruce Springsteen sehen will auf der Bühne, der hat Gelegenheit, etwa in Gestalt jener zwei DVDs, die einen Auftritt im Londoner Hyde Park vom Juni 2009 dokumentieren. Er bestätigt, was David Remnick vom «New Yorker» in einem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch über Springsteen feststellt: «Die Konzerte dauern über drei Stunden, ohne Pause, und dabei tanzt er unablässig, schreit, beschwört, fuchtelt, tritt und rudert mit den Armen. Diese Energie und ihre totale Ausbeutung wird von ihm erwartet. Das Publikum dankt es ihm mit gemeinschaftlicher Verehrung.»

«Ich will ein extremes Erlebnis»

Auch im Hyde Park ist sein Jeanshemd nach spätestens zwanzig Minuten völlig durchnässt. Auch hier ist er pausenlos in Bewegung, feuert seine Musiker an, bringt das Publikum in Bewegung. Und nie bekommt man das Gefühl, dies sei Pose.

«Ich will ein extremes Erlebnis», sagt Bruce Springsteen zu David Remnick. Er will, dass sein Publikum die Arena verlässt «mit schmerzenden Händen, mit schmerzenden Füssen, schmerzendem Rücken, rauher Stimme und erregten Geschlechtsorganen». Für einen Erwachsenen bestehe die Welt meist aus Knebeln, aus Routine, Verantwortung, Niedergang der Institutionen, Korruption. Die Musik aber, wenn sie richtig gut sei, «die bricht das Ganze wieder auf und lässt die Leute rein, lässt Licht rein und Luft und Energie. Manchmal tragen die Leute das noch sehr lange mit sich herum».

Seit dreissig Jahren betreibt Springsteen das gleiche Sportprogramm, läuft auf dem Laufband, stemmt Handeln. Und er bereitet sich mit der Band minutiös auf jede Tournée vor. Remnick beobachtet ihn dabei sehr genau, spricht mit seinen Musikern und Weggefährten – und mit Bruce Springsteen selbst. Zum Beispiel über seinen Vater, der oft sehr betrunken nach Hause kommt, überall das Licht löscht und dann mit dem Sohn in der Küche sitzt. Sie sprechen miteinander, aber meistens bekommen sie Streit, den die Mutter dann zu schlichten sucht. «Die Kämpfe meiner Eltern, das ist das Thema meines Lebens», sagt Springsteen. «Das nagt an mir und wird es immer tun.»

Das Gespräch mit dem Vater

Seine Songs sind eine Möglichkeit, mit dem stummen Vater zu reden. «Mein Vater redete kaum einmal. Damit musste ich meinen Frieden machen, aber trotzdem musste ich ein Gespräch mit ihm führen, denn das brauchte ich.» Sein Vater hat das durchaus erkannt. Als er gefragt wurde, welches seine Lieblingslieder seien, da sagte er: «Die, die von mir handeln.»

Die Rettung des Sohns ist musikalischer Art. Es sind die Songs, die aus dem Kofferradio oder aus dem Fernseher kommen. 1957 sieht er zusammen mit seiner Mutter Elvis in der «Ed Sullivan Show» und sagt: «So will ich auch sein.» Für den Fünfzehnjährigen nimmt die Mutter einen Bankkredit auf und schenkt ihm eine Gitarre. Er flüchtet in eine Obsession, in eine Welt, die so ganz anders ist. Und geht mit grosser Zähigkeit seinen Weg.

Sie seien Handwerker, sagt Springsteen zu Remnick und zeigt zu seinen Musikern auf der Bühne. «Wenn ich ein bisschen von mir repariere, repariere ich auch ein bisschen von dir. Das ist der Job.»

Bruce Springsteen: London Calling: Live in the Hyde Park, DVD, Sony 8697724029 David Remnick: Über Bruce Springsteen, Berlin-Verlag 2013, 79 S., Fr. 25.90