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So war das erste Locarno Film Festival unter Lili Hinstin

Die neue künstlerische Leiterin setzte am 72. Locarno Film Festival frische und mutige Impulse. Dennoch lief nicht alles rund.
Lory Roebuck aus Locarno

Das 72. Locarno Film Festival geht am Samstag zu Ende. Es war die erste Ausgabe unter der neuen künstlerischen Leiterin Lili Hinstin, die im Vorfeld angekündigt hatte, sie wolle im Tessin nicht alles auf den Kopf stellen.

Warum auch? Die Zeiten, als das Festival kurz vor dem Bankrott stand, liegen Jahre zurück. Heute gehört die Filmschau am Lago Maggiore zu den zehn wichtigsten weltweit und geniesst hohes Ansehen.

Für Hinstin gab es auch einen ganz persönlichen Grund, an dem festzuhalten, was Locarno zu Locarno macht: Sie verspürt schon seit jeher eine starke Affinität zu den mutigen und radikalen Autorenfilmen, die hier Tradition haben.

Die neue Festivaldirektorin Lili Hinstin bewies ein glückliches Händchen und befreite die Filmselektion auf der Piazza Grande aus ihrer jahrelangen Biederkeit. (Bild: Keystone)

Die neue Festivaldirektorin Lili Hinstin bewies ein glückliches Händchen und befreite die Filmselektion auf der Piazza Grande aus ihrer jahrelangen Biederkeit. (Bild: Keystone)

Seit 2013 – und damit lange, bevor sie die Festivalleitung übernahm – besucht Hinstin jedes Jahr Locarno, um genau diese Werke zu entdecken, die sie liebevoll «locarnische Filme» nennt.

Locarnischen Filmen muss man sich ausliefern

Nun, nach Ablauf der zehn Festivaltage lässt sich sagen: Auch Hinstin hat ihre erste Festivalausgabe mit locarnischen Filmen bestückt. Bestes Beispiel dafür ist der portugiesische Wettbewerbsbeitrag «Vitalina Varela» von Pedro Costa, der mit seinem letzten Film «Cavalo Dinheiro» 2014 den Regiepreis von Locarno gewonnen hatte.

«Vitalina Varela» ist ein hochästhetischer Film über die unerfüllten Lebensträume einer kapverdischen Frau – in einem Tempo erzählt, das dem Stillstand ziemlich nahe kommt.

Locarnische Filme sind Filme, die sich Zeit nehmen, und denen man sich voll und ganz ausliefern muss. Und die nicht selten von den sanften Schnarchgeräuschen eines Sitznachbars begleitet werden. Entschleunigung pur.

Wer einmal ans Locarno Film Festival gereist ist, sieht danach nicht nur die Welt mit anderen Augen, sondern auch das Kino. Das bleibt zum Glück auch unter Lili Hinstin so.

Drei Filmhighlights am diesjährigen Festival:

The Last Black Man in San Francisco: Zwei Afroamerikaner lamentieren über die Gentrifizierung ihrer Heimatstadt. Ein unkonventioneller, träumerischer, poetischer Film. Hier schlummert selbst in Häusern eine Seele. (Bild: HO)The Last Black Man in San Francisco: Zwei Afroamerikaner lamentieren über die Gentrifizierung ihrer Heimatstadt. Ein unkonventioneller, träumerischer, poetischer Film. Hier schlummert selbst in Häusern eine Seele. (Bild: HO)
Greener Grass: Mitten im Film verwandelt sich der Sohn in einen Hund. Nicht alle Zuschauer kommen mit derart schrägen Filmen klar. Doch solche Farbtupfer tun dem Festival unheimlich gut. (Bild: HO)Greener Grass: Mitten im Film verwandelt sich der Sohn in einen Hund. Nicht alle Zuschauer kommen mit derart schrägen Filmen klar. Doch solche Farbtupfer tun dem Festival unheimlich gut. (Bild: HO)
Vitalina Varela: Ein Film wie ein Ölgemälde: luminös, besinnlich, fesselnd. Der neue Film des portugiesischen Regisseurs Pedro Costa hat Chancen auf den Goldenen Leoparden. (lor) (Bild: HO)Vitalina Varela: Ein Film wie ein Ölgemälde: luminös, besinnlich, fesselnd. Der neue Film des portugiesischen Regisseurs Pedro Costa hat Chancen auf den Goldenen Leoparden. (lor) (Bild: HO)
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Die Filmhighlights in Locarno

Doch die neue Festivalleiterin hat nicht bloss zehn Tage lang das Erbe ihres Vorgängers Carlo Chatrian verwaltet. Sie hat auch neue Impulse gesetzt. Jünger, frischer und frecher lautete ihre Devise. Denn Hinstins eigentliche Kernaufgabe ist es, eine neue Zuschauergeneration für das Locarno Film Festival zu begeistern.

Nicht alle Ideen, die sie zu diesem Zweck verfolgte, haben gefruchtet. Die neue Virtual-Reality-Filmreihe etwa war ein Reinfall. Das Kino PalaVideo, wo eigens dafür ein Raum mit vier Stühlen und vier VR-Brillen und Köpfhörern eingerichtet worden war, hatte laut Angaben der Kino-Mitarbeiter praktisch keinen Zulauf.

Ob es am Angebot lag? Der VR-Film «A Room With Four Views» jedenfalls war nicht viel mehr als ein plumper Porno mit Rundumsicht.

Weitaus mehr Elan war im sogenannten Base Camp in der Kaserne im benachbarten Losone zu spüren. Hier hatte Lili Hinstin während der gesamten Festivaldauer 200 Künstlerinnen und Künstler im Alter von 18 und 30 Jahren untergebracht.

Hinstins Plan ging mehrheitlich auf: Die jungen Kreativen haben im Base Camp Kunstprojekte umgesetzt, sich vernetzt und Party gemacht. Offen bleibt aber die Frage, wieviel sie nebenher noch vom Filmfestival mitbekommen haben.

Die Piazza-Filme aus jahrelanger Biederkeit befreit

Die erfolgreichste Justierung gelang Hinstin auf der Piazza Grande. Die neue Festivalleiterin bewies ein glückliches Händchen und befreite die Filmselektion aus ihrer jahrelangen Biederkeit unter Carlo Chatrian.

Absolutes Highlight war natürlich die restlos ausverkaufte Schweizer Premiere von «Once Upon a Time in Hollywood». Auch wenn Meisterregisseur Quentin Tarantino nicht persönlich anwesend war, schickte dieser immerhin eine Grussbotschaft ans Piazza-Publikum, das sich in der Folge bestens unterhalten sah.

Doch auch Filme wie der deutsche Flugzeugentführungsthriller «7500» oder das Drama «Camille» über eine französische Kriegsfotografin fanden auf der Piazza grossen Anklang.

Ein jüngeres Publikum peilte Hinstin vor allem mit den Spätvorstellungen auf der Piazza an. Unter dem Motto «Crazy Midnight» hat sie Filme gezeigt, die etwas anders ticken. Skurrile Komödien wie «Greener Grass» etwa, oder Trash-Klassiker wie «Cecile B. Demented». Aber auch die freche Schweizer Komödie «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei».

Das kam an: Lange nach Mitternacht waren die Zuschauerränge auf der Piazza immernoch mehr als halb voll.

Die vielen Regisseurinnen sind kein Zufall

Natascha Beller, die Regisseurin von «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei», war eine von auffallend vielen Filmemacherinnen, die am diesjährigen Festival vertreten waren. Das ist kein Zufall, auch hier hat Hinstin Anpassungen vorgenommen.

«In unserem Filmprogramm sind prozentual mehr Filmemacherinnen vertreten als noch unter den Einsendungen», bestätige Hinstin dem Filmmagazin «Screen International».

Lili Hinstin hat sich während ihres ersten Locarno Film Festivals noch nicht allzuweit aus dem Fenster gelehnt. Sie weiss, was das Festival ausmacht und hält daran fest. Gleichzeitig stellt sie die Weichen für die Zukunft. Mit kleinen Anpassungen, mit noch mutigeren Filmen.

Wenn dieser Mut dereinst auch auf ihre eigenen Auftritte vor den 8000 Zuschauerinnen und Zuschauern auf der Piazza Grande überschwappt, dann wird aus Locarno und Lili eine grosse Liebe.

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