Beim künftigen Chefdirigenten des Opernhauses gilt: So viel Drama darf sein

Gianandrea Noseda wird 2021 Generalmusikdirektor des Opernhauses Zürich. Am Sonntag dirigierte er die Philharmonia Zürich.

Anna Kardos
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Sein Herz schlägt fürs Theater: Gianandrea Noseda

Sein Herz schlägt fürs Theater: Gianandrea Noseda

Bild: Keystone

Gianandrea Noseda wird 2021 Generalmusikdirektor des Opernhauses Zürich. Am Sonntag dirigierte er sein künftiges Orchester.

Schon Brecht wusste: «Man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.» Damit meinte er zwar nicht explizit Musiker. Aber er hätte durchaus können. Denn auch diese teilen sich in die Welt der Sinfonieorchester, welche im Rampenlicht agieren, und die der Opernorchester, welche den Blicken entzogen sind. Am vergangenen Sonntag war im Opernhaus Zürich also gleich doppelt für Spannung gesorgt. Da dirigierte Gianandrea Noseda, der designierte Generalmusikdirektor, zum ersten Mal seit der Ernennung «sein» zukünftiges Orchester. Und das erst noch mit einem sinfonischen Programm.

Neues Orchester, neue Situation? Zumindest der Gesichtsausdruck der Musiker hatte mit dem routinierten Strahlen vieler Sinfonieorchester wenig gemein. War es die Anspannung? Hohe Erwartungen? Sichtlich konzentriert betrat auch Dirigent Gianandrea Noseda die Bühne.

Den hochgewachsenen Körper gespannt holt er nach oben aus, beinahe theatral, als würde er aus der Luft Inspiration pflücken wollen. Es wirkt. Schon die markanten Anfangs-Akkorde von Schuberts Ouvertüre zu «Rosamunde» sind Drama pur. Auch der schnelle Teil bekommt unter Nosedas riesigen Händen geradezu Verdi’sche Lüpfigkeit – als wolle er Schubert wenigstens nachträglich jene dramatische Ehre zukommen lassen, die ihm im echten Leben versagt blieb (Schubert hatte erfolglos versucht, sich als Opernkomponist zu etablieren).

Alles ausser Maestro-Allüren

Damit standen sämtliche Zeichen auf Theater. Dass Nosedas Herz trotz seiner philharmonischen Erfolge für die Oper schlägt, bezeugt nicht nur seine Karriere an berühmten Opernhäusern wie dem Mariinski-Theater St. Petersburg, der Metropolitan Opera (NY), dem Teatro Regio di Torino sowie die rege Zusammenarbeit mit Anna Netrebko. Sondern vor allem sein Dirigat. Den Takstock schwingenden Maestro sucht man bei ihm vergeblich, dafür gibt’s Dramatik wie auf Knopfdruck, und auch ein warmherziges Begleiten beherrscht der Mailänder aus dem Effeff. Kein Wunder war auch auf der Bühne des Opernhauses die Theatralik noch nicht zu Ende.

Mit Tschaikowskys Rokoko-Variationen sorgt nun der junge Cellist Narek Hakhnazaryan für ein veritables Ballett – zwar nicht auf den Brettern, die die Welt bedeuten, aber doch zumindest auf dem Griffbrett seines Instruments. Perfekt, oft hauchzart und mit Ballett-Attitüde hoch zwei gestaltet er die Variationen. Bis man sich dabei ertappt, zu überlegen: Ist solch gepflegtes Musizieren noch zeitgemäss?

Üppig und kollektiv statt kleinteilig

Dass Noseda der Philharmonia Zürich hier viel Freiraum liess, brachte zumindest dem künftigen Generalmusikdirektor zusätzliche Sympathiepunkte ein. Auch wenn er die Marksteine grosser Sinfonik in diesem Konzert elegant aussparte – ob aus Vorsicht oder für einen späteren Auftritt – gab es mit Mendelssohns Schottischer Sinfonie zumindest ein grösseres philharmonisches Werk zu hören. Und wieder lag der Fokus weniger im Kleinen als im Grossen; weniger auf der Individualisierung einzelner Instrumente, als viel mehr auf der grosszügigen Ausgestaltung von musikalischen Szenerien sowie dem grossen und üppigen Kollektiv, zu dem Noseda die Philharmonia Zürich vereinte. Denn laut Brecht sieht man die einen zwar nicht. Aber hören lassen können sie sich trotzdem.