So tickt die Ostschweiz: Das Theater Jetzt betreibt satirische Volkskunde und bringt einen grössenwahnsinnigen Olympiatraum auf die Bühne

«Trainingslager» heisst das neue Stück des Theaters Jetzt aus Sirnach, das am 20. November in St.Gallen Premiere feiert. Zu dritt sezieren die Theaterleute mit Worten und Liedern die Ostschweizer Mentalität.

Roger Berhalter
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Das Bett ist die Bühne: Oliver Kühn (links), Sandro Schneebeli und Martina Flück bei den Proben ihres Kammer-Musicals «Trainingslager».

Das Bett ist die Bühne: Oliver Kühn (links), Sandro Schneebeli und Martina Flück bei den Proben ihres Kammer-Musicals «Trainingslager».

Bild: PD/Andri Kaufmann

Die Ostschweiz gibt es nicht. So könnte man die Rechercheergebnisse von Oliver Kühn zusammenfassen. Der Theatermacher aus Sirnach hat in den vergangenen Monaten die verschiedensten Menschen nach seiner Heimat befragt: Wie findet ihr die Ostschweiz? Was ist typisch für diese Region? Stimmen die Klischees, die man sich von ihr erzählt?

Die Antworten auf diese Fragen sind in das neue Stück des Theaters Jetzt geflossen: Das Kammer-Musical «Trainingslager» feiert am 20. November in der St.Galler Militärkantine Premiere.

Die Toggenburger schauen für sich, die Innerrhödler sowieso

Kühn hat in Beizen mit den Leuten geredet, aber auch Interviews geführt mit solchen, die am Ostschweizer Grossprojekt Expo 2027 beteiligt waren: SVP-Nationalrätin Esther Friedli, Marco Sacchetti vom Pro-Komitee und Marco Heller, dem künstlerischen Direktor der Expo 2002.

Und wie tickt nun die Ostschweiz? Regional, lautet eine Erkenntnis von Kühn:

«Es gibt ein starkes regionales Bewusstsein, oft verbunden mit einem gewissen Neid.»

Die Ostschweiz gibt es eben nicht, es gibt nur die St.Galler, die Thurgauer, die Wiler, die Herisauer. Die Toggenburger schauen für sich, die Innerrhödler sowieso, die Gossauerin interessiert nicht, was im Rheintal los ist, und Rapperswil lässt den Rorschacher kalt.

Die Expo 2027 scheiterte schon früh

Ein weiteres Klischee, das laut Kühn stimmt: Zwischen Stadt und Land gibt es einen grossen Mentalitätsunterschied. «Man mag der Stadt St.Gallen ihren Status als Hauptstadt nicht gönnen», sagt Kühn.

Bezeichnend ist für ihn das Scheitern der Expo 2027. Schon in der Frühphase bodigten die Stimmbürgerinnen und -bürger die interkantonale Idee, indem sie einen Planungskredit für die Ausstellung ablehnten. «Das Zusammenstehen im richtigen Moment ist keine Ostschweizer Tugend», resümiert Kühn. Anders als bei den Westschweizer Kantonen, die sich gerne gemeinsam wehrten.

Grössenwahnsinnige Olympiapläne

Gescheitert ist auch ein anderer Ostschweizer Plan, der aus heutiger Sicht grössenwahnsinnig klingt: ein Olympiastadion im Tal der Demut in St.Gallen, zwischen den Quartieren Riethüsli und St.Georgen. Tatsächlich trieb in den 1930er-Jahren ein gewisser Rudolf Emil Pfändler diesen Plan voran, wie im Buch «St.Gallen – eine Stadt, wie sie nie gebaut wurde» von Théo Buff nachzulesen ist.

Der Plan des St.Galler Olympiastadions, wie er in der «St.Galler Schreibmappe 1929» abgebildet ist. Auf der vergrösserten Ansicht links oben gut erkennbar ist der Flugplatz anstelle des abgetragenen Bernegghügels.

Der Plan des St.Galler Olympiastadions, wie er in der «St.Galler Schreibmappe 1929» abgebildet ist. Auf der vergrösserten Ansicht links oben gut erkennbar ist der Flugplatz anstelle des abgetragenen Bernegghügels.

Bild: PD/Theater Jetzt

St.Gallen sollte also Olympiastadt werden, und dafür war man sogar bereit, den Bernegghügel abzutragen, um dort einen Flugplatz zu bauen. «Ein gigantisches Projekt», sagt Oliver Kühn. «St.Gallen streckte sich damals nach oben, was auch zu Animositäten führte.» Da ist er wieder, der Mentalitätsunterschied zwischen Stadt und Land.

Satirische Volkskunde, vom Bett aus

Oliver Kühn dient dieser geplatzte Olympiatraum nun als Vorlage für sein «Trainingslager». Rund um die wenigen historisch belegten Fakten hat er eine fiktive Handlung geschrieben. Zusammen mit Martina Flück und Sandro Schneebeli seziert er auf der Bühne die Ostschweizer Mentalität, in Worten und mit Liedern.

Ein Olympiakomitee tritt auf mit Vertretern aus den Kantonen St.Gallen, Thurgau und beiden Appenzell, die sich einander nur harzig annähern. Kühn spielt den Vater der St.Galler Olympiaidee, Rudolf Emil Pfändler, der nach einem Sturz auf den Kopf nicht mehr so genau weiss, was wahr und falsch ist. Das Bett, in dem er seinen Sturz auskuriert, dient dabei als Bühne.

«Endlich die Ostschweiz verstehen»: Das Plakat zur Aufführung.

«Endlich die Ostschweiz verstehen»: Das Plakat zur Aufführung.

Bild: PD

Nach diesem Theaterabend wird man «endlich die Ostschweiz verstehen», wie Kühn vollmundig verspricht. Das ist einerseits augenzwinkernd gemeint; im «Trainingslager» darf gelacht werden. Anderseits sagt Kühn, dass er seine Heimat jetzt tatsächlich besser verstehe:

«Wir betreiben ein bisschen satirische Volkskunde. Man kann, wenn man uns zuschaut, sich selber erkennen und hoffentlich über sich selber lachen.»

Premiere von «Trainingslager» (ausverkauft): 20. November, 20 Uhr, Militärkantine, St.Gallen. Weitere Spieldaten unter www.theaterjetzt.ch