Ihr Werk ist verblüffend vielseitig: So tickt die neue Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk

Am Dienstag wird Olga Tokarczuk der Literaturnobelpreis überreicht. Ein Annäherungsversuch an ihr verblüffend vielfältiges Werk.

Hansruedi Kugler
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Bisher ein Geheimtipp: Der Literaturnobelpreis macht die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk endlich weltbekannt.

Bisher ein Geheimtipp: Der Literaturnobelpreis macht die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk endlich weltbekannt.

(Bild: Friso Gentsch/DPA/Keystone)

Eine sportliche Einstellung hilft. Um sich fit zu machen für den literarischen Triathlon, kann man zwei Trainingsbücher empfehlen, die selbst schon meisterhaft sind und mit denen man sich vertraut machen kann mit Olga Tokar­czuks Themen sowie ihrer enormen stilistischen Breite: Den Erzählband «Spiel auf vielen Trommeln» (2001) und den poetisch-erzählerischen Essayband «Unrast» (2007) über das Reisen als Existenz.

Olga Tokarczuks Triathlon aber heisst «Die Jakobsbücher», ist gerade im Zürcher Kampa-Verlag auf Deutsch erschienen, ein 1174 Seiten umfassender Ritt ins polnisch-jüdische 18. Jahrhundert – mit subtilen politischen Sprengsätzen in die Gegenwart. Ein Roman, der historische Präzision ironisch und bildstark mit Elementen des magischen Realismus zu einem ­gewaltigen Epos zusammenführt.

Die Nationalkonservativen in Polen mögen sie überhaupt nicht

Dass die Autorin von den National- konservativen in ihrem Heimatland angefeindet wird, hat mit ihrer Relektüre der Geschichte und der Nationalmythen zu tun. Denn statt das «goldene Zeitalter» der polnischen Einheit im 18. Jahrhundert zu feiern, überwältigt Tokarczuks «Die Jakobsbücher» mit einer zerrissenen, bigotten, gewalttätigen polnisch-adlig-christlichen Gesellschaft. Der schockierende Hass auf die multikulturelle Realität des 18. Jahrhunderts und die Sehnsucht der Juden nach einem Messias öffnet einen verblüffenden Blick in die Geschichte Osteuropas.

Ihre Erzählung wirkt so auch als indirekter Gegenwartskommentar. Wer wie Tokarczuk vom multikulturellen und multireligiösen Erbe Polens schreibt, gerät in Konflikt mit dem Mantra, die katholische Lehre sei die Quintessenz des Polnischen. Mag sein, dass dies mit ein Grund gewesen ist für die Wahl der Nobelpreis-Akademie: als ein Statement in Zeiten der Rückkehr des Autoritären und der Überbetonung des Nationalen. Die Grösse ihrer Literatur aber benannte die Akademie richtig: «Sie konstruiert ihre Romane in einer Spannung zwischen kulturellen Gegensätzen: Natur versus Kultur, Vernunft versus Wahnsinn, Mann versus Frau, Heimat versus Entfremdung.»

Buchtipps:

«Spiel auf vielen Trommeln» Der 2001 auf Polnisch erschienene Erzählband entstand während eines Stipendiatsaufenthalts in Berlin. Erst fünf Jahre später erschien das 144 Seiten schmale Buch im Verlag Mattes & Seitz in deutscher Übersetzung von Esther Kinsky. Es eignet sich als Einstieg in die Literatur der Autorin. (hak)
«Unrast» Das im Kampa-Verlag erscheinende Buch ist ein poetisch-erzählerischer Essayband über das Reisen. Olga Tokarczuk, die Psychologie studiert hat, entwirft eine Reisepsychologie, berichtet von Begegnungen und flicht historische Recherchen ein. Eine faszinierende persönliche Enzyklopädie. (hak)
«Die Jakobsbücher»  Das gewaltige Epos sticht ins Herz der multikulturellen Realität Europas: Die 1174 Seiten erzählen vom multireligiösen Polen im 18. Jahrhundert. Im Zentrum: Jakob Frank, Jude, Sektenführer, Grenzgänger. Der Roman mit Elementen  des magischen Realismus erscheint  im Kampa-Verlag. (hak)

Bild: zvg

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So überraschend der Literaturnobelpreis kam, so schnell reagierte der junge Kampa-Verlag: «Die Jakobsbücher» waren mit einer Startauflage von lediglich 3000 Exemplaren gedruckt worden. Die 1962 geborene Olga Tokarczuk, die in der Nähe von Breslau wohnt, Psychologie studiert hat und C.G. Jung bewundert, war bis vor kurzem noch ein Geheimtipp, obwohl sie 2018 den Man Bookerprice international für «Unrast» gewonnen hat. Rasch wurden von «Die Jakobsbücher» weitere 15000 Exemplare gedruckt. Ebenso von «Unrast» – mit dem Vermerk: «Literaturnobelpreis». Weitere Titel der Autorin kommen nun nach und nach in den Handel.

Mit charmanter Persiflage und Historien-Epos gegen Mythenkult

Was für eine variantenreiche Erzählerin Olga Tokarczuk ist, wird einem schon bei «Spiel auf vielen Trommeln» klar: In der kafkaesken, traumartigen Erzählung «Subjekt» zum Beispiel sitzt eines Tages ein arroganter, aber begabterer Doppelgänger am Schreibtisch eines Schriftstellers. Oder in «Die Eroberung von Jerusalem, Raten 1675» erzählt sie von einem gigantischen Freilichtspiel, das ein Adliger mit seinen Leibeigenen aufführt – eine makabre Geschichtsgroteske. Und wenn sie in «Bardo. Die Weihnachtskrippe» wie eine Chronistin von einer über Generationen ausgebauten und weltberühmten Krippe in der polnischen Kleinstadt berichtet, zeigt sie die Kraft des Fabulierens in einem fabelhaften, ­ironischen Understatement. In Polen blüht seit jeher eine Kultur der Weihnachtskrippen. Durch die Erfindung und Überhöhung gelingt der Autorin eine charmante Persiflage auf den Kult und gleichzeitig ein Gang durch die Jahrzehnte.

Im Gegensatz zu den traditionellen Erzählformen dieses Bandes erfindet Tokarczuk in «Unrast» ein besondere Form des Reisetagebuchs: Mit Fragmenten, Kurzessays, Dialogen mit Zufallsbekannten, Beobachtungen und historischen Recherchen nimmt sie einen mit auf eine Reise durch Europa. Sie erzählt vom melancholischen Walfänger oder vom nigerianischen Sklaven und späteren Prinzenerzieher Angelo Soliman im Wien des 18. Jahrhunderts, den der Kaiser nach seinem Tod ausstopfen liess. Es ist ein virtuoses, kluges, fast schon enzyklopädisches und autobiografisches Buch einer passionierten Reisenden. Ziel ihrer Reisen sei es, «die Fehler und Reinfälle der Schöpfung» aufzuspüren.

Einen ebensolchen Fund hat sie sechs Jahre lang zu «Die Jakobsbücher» verarbeitet − und sie bis zur Erschöpfung getrieben. Wer sich dem Sog des gewaltigen Romans überlässt, wird beim Abtauchen belohnt. Nicht nur weil sie hier vom «Luther des Judentums» Jakob Frank erzählt: dem anarchischen Hochstapler und Sektenführer, der im 18. Jahrhundert in Europa vagabundiert, öfters die Religion wechselt und von der verzweifelten Hoffnung der von Pogromen geplagten ­Juden nach einem neuen Messias profitiert.

Tokarczuk verbindet das fragmentarische und ausschweifende Erzählen hier mit dem packenden historischen Zugriff. Sie erweist sich als Meisterin der Figurenzeichnung, ihre Schilderungen des ländlichen Polens sind atemberaubend präzis und bildstark. Augenzwinkernd schreibt sie an die Leser: «Den Klugen zum Gedächtnis, den Landsleuten zur Besinnung, den Laien zur erbaulichen Lehre, den Melancholikern zur Zerstreuung.» Auch Humor hat Olga Tokarczuk jede Menge.

Der Literaturnobelpreis war dieses Jahr bereits in den Schlagzeilen: