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Schauspieldirektor Jonas Knecht im Gespräch: «Vielleicht hatten wir zuviel Groteske auf der Bühne»

Der Start in die Theatersaison in St. Gallen ist geglückt – mit drei mutigen Premieren. Ein Gespräch mit Schauspieldirektor Jonas Knecht über zu harte Theaterkritiken und sein Bild der Schweiz.
Hansruedi Kugler
Jonas Knecht hält den Ordner mit Reklamationsbriefen, die er alle beantwortet hat. (Bild: Michel Canonica)

Jonas Knecht hält den Ordner mit Reklamationsbriefen, die er alle beantwortet hat. (Bild: Michel Canonica)

Fast hätte Jonas Knecht kürzlich einen Leserbrief geschrieben. Nicht etwa wegen eines Verrisses einer eigenen Inszenierung. Trotzdem beginnt er das Gespräch mit einer Journalistenschelte. Die Kurzkritik des Schreibenden über das neue Musikprojekt des St. Galler Theatermanns Michael Finger habe er als unfair empfunden. Im Gegensatz zum Kritiker Kugler, der die Bühnenshow als Aneinanderreihung banaler Kindheitsepisoden bemängelt hat, meint Jonas Knecht: «Was für ein wunderbarer Abend: poetisch, persönlich, berührend. Die Kindheitsepisoden waren nur der lockere dramaturgische Aufhänger und die Impulse für sehr schöne Songs mit viel Augenzwinkern.»

Ein Verriss solle etwas auslösen, fordert Knecht, einen Verriss müsse man aber ausführlich begründen. Genauso wie eine Lobeshymne. Denn:

«Theater ist wie der Journalismus im Idealfall ein Angebot zum Dialog. Sonst verpufft alles. Das setzt aber voraus, dass wir auf der Bühne Themen präsentieren, die die Zuschauer etwas angehen.»

Er weiss, wovon er spricht. Ab und zu werden auch seine eigenen Inszenierungen in der Presse kritisiert. «Verrissen» aber wäre übertrieben. Und nicht nur in der Presse: Jonas Knecht holt einen Ordner hervor. Rund zwei Dutzend Briefe und E-Mails sind dort abgelegt: kritische bis erboste Publikumszuschriften und Abokündigungen. Wie reagiert er? «Ich schreibe immer zurück und fordere zum Dialog», sagt Knecht. «Wenn mir jemand zum Beispiel schreibt, man könne die ‹Räuber› doch nicht so machen, wie ich das getan habe, frage ich zurück, wie man Schiller heute inszenieren sollte oder was für Stücke denn auf den Spielplan gehören würden. Eine Antwort bekam ich fast nie.» Selbstkritisch jedoch sagt Knecht: «Es gibt Stücke, die mir besser gelungen sind als die ‹Räuber›. Inszenierungen, mit denen ich näher an die Menschen rangekommen bin. So schnell mache ich wohl keinen Schiller mehr.»

Der Schweizbefrager bringt die Moral ins Wanken

Man mag sich wundern, wieso sich Jonas Knecht einen Klassiker wie Schillers «Räuber» überhaupt vorgenommen hat. Denn was seine Intendanz prägt, sind vielmehr aktuelle Stücke mit zeitgenössischen Themen. Aufsehen erregt hat die Reihe mit Schweizbefragungen – geschrieben als Auftragsstücke von jungen Schweizer Dramatikern.

In der ersten Saison war es der Fünf­akter «Das Schweigen der Schweiz», letzte Saison das Geheimdienststück «Lugano Paradiso», in der laufenden Saison wird man mit «Ausgegrenzt und weggesperrt» ein Stück von Darja Stocker über die «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» bis Anfang der 1980er-Jahre zu sehen bekommen. Knechts Neugier auf die Schweiz rührt auch daher, dass er zwanzig Jahre in Berlin gelebt hat und nun die Schweiz neu erkundet: «Ich glaube sehr an die Kraft des Theaters. Auf der Bühne verhandelt, wirken diese Stoffe stärker und länger als beispielsweise Zeitungsartikel.»

Radikaler Perspektivenwechsel

Die Reihe stösst auf grosses Publikumsinteresse und löst Knechts Verständnis von Theater als Einmischung und Anstoss zum Dialog sehr schön ein. Eine Einmischung, die ohne Zeigefinger oder platte Eindeutigkeiten auskommt. So sind denn auch die anderen zeitgenössischen Stücke auf dem Spielplan solche, die einen aus der Komfortzone locken. Etwa «Der Mann der die Welt ass», ein Vater-Sohn-Stück mit dementem Vater und ausgepowertem Sohn, oder das Stück «Adams Äpfel» über Gutmenschen und Neonazis. Das kommende Stück «Sterben helfen» wagt einen radikalen Perspektivwechsel mit einer Zukunft, in der selbstgewähltes Sterben üblich ist, die Hauptfigur sich aber für einen schmerzhaften natürlichen Tod entscheidet. Und vor drei Wochen: «Versetzung» von Thomas Melle über einen manisch-depressiven Lehrer. Knecht hat das Stück selbst inszeniert und das Kunststück vollbracht, den Text in seiner Vielschichtigkeit spürbar zu machen: Man kann es als psychiatrische Fallstudie, als Gesellschaftsgroteske oder als Albtraum lesen. «Es ist ein Herzensprojekt geworden», sagt Knecht.

Fragt sich nur, warum alle diese zeitgenössischen, dringlichen und zugänglichen Stücke in der kleinen Lokremise und nicht im Grossen Haus gezeigt werden. «Ja, die Stücke hätten es verdient. Aber vielleicht bin ich nach der ersten Saison etwas zögerlich geworden mit neuer Dramatik auf der grossen Bühne», sagt Knecht. Stücke wie «Einige Nachrichten an das All» oder «Eine Familie» hätten im Grossen Haus zu wenig Zuschauer gefunden. Die begeisterten Besprechungen im «Tagblatt» haben keinen Sturm auf die Theaterkasse ausgelöst. Weil Knecht auch an der Auslastung gemessen wird, versteht man die Vorsicht. Allerdings waren die beiden Stücke, die er erwähnt, komplex und deutlich schwerer zugänglich als die Stücke über die Schweiz oder «Der Mann der die Welt ass».

Zuversichtlich jedoch ist er für «Szenen einer Ehe» im Grossen Haus. Ist das nicht kalter Kaffee aus den 70er-Jahren? Knecht widerspricht: Noch nie sei die Einführungsmatinée so gut besucht gewesen wie bei diesem Stück, sagt er. «Die Lokremise war voll, rund 120 Leute kamen. Das zeigt das hohe Interesse an diesem modernen Ehestoff, den Barbara-David Brüesch als Zeitreise bis ins Heute inszeniert.»

Zwischen psychologischem Realismus und Groteske

Dass Jonas Knecht mit seiner Handschrift nicht unumstritten ist, zeigte sich diesen Frühling im Vorwurf dieser Zeitung, auf der Bühne werde zu vieles zur Groteske verfremdet und karikiert, die Einfühlung gehe verloren, und die Ästhetik drohe zum Selbstzweck zu werden, zur ermüdenden schrillen Künstlichkeit und stereotypen Figurenzeichnung. Jonas Knecht wollte sich damals, kurz vor der Abstimmung über die Theaterrenovation, zu diesem Vorwurf öffentlich nicht äussern. Nun sagt er: «In der Mitte einer Spielzeit ein Resümee zu ziehen, ist falsch.» Er räumt aber ein:

«Womöglich hatten wir in jener Zeit etwas viel Groteske auf der Bühne.»

Die Fragen, wie man zeitgenössisch auf der Bühne steht, wie man das Publikum erreicht, wie Theater heute überhaupt funktioniert, beschäftigten ihn intensiv: «Weder der psychologische Realismus noch die Groteske sind dabei das Universalrezept, es ist immer eine Frage des Stoffs.» Er wolle zudem eine Vielfalt an Inszenierungsstilen ermöglichen, um so diesen Fragen nachzugehen.

Knecht strahlt eine angenehme Selbstkritik aus. Die berechtigte Pressekritik am Zuviel der Groteske hat sich relativiert. Mit seiner aktuellen Inszenierung von «Versetzung» gelingt Knecht tatsächlich ein präzises Gleich­gewicht zwischen anrührendem Realismus und schriller Groteske.

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