So machte Snowden Schlagzeilen

Der Oscar-gekürte «Citizenfour» von Laura Poitras dokumentiert, wie es zu Edward Snowdens Enthüllungen kam. Die spektakuläre Tat des Whistleblowers als spannende Hintergrundstory.

Andreas Stock
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Edward Snowden (Bild: pd)

Edward Snowden (Bild: pd)

Die Szene hat etwas Kurioses. Wie heissen Sie, fragt der «Guardian»-Journalist Ewen McAskill den jungen Mann, in dessen Hotelzimmer in Hongkong er sitzt. Der nennt seinen Namen und Buchstabiert: S–N–O–W–D– E–N. Freilich, heute muss man diesen Namen weder buchstabieren noch erklären, um wen es sich handelt. Doch im Juni 2013 kennt den Namen Edward Snowden noch nicht die ganze Welt. Und der Journalist Glenn Greenwald und die Dokumentarfilmerin Laura Poitras, die mit ihm im Hotelzimmer sitzen, wissen auch erst jetzt, wer hinter dem Codenamen «Citizenfour» steckt, wer mit ihnen im Januar 2013 über verschlüsselte Mails Kontakt aufgenommen hat. Und ihnen ankündigte, er wolle ihnen Beweise für eine systematische, illegale Massenüberwachung der NSA und anderer Geheimdienste im Ausland liefern.

Wie in einem Thriller

Fast wie in einem Spionagethriller folgt man gespannt den Mails des Unbekannten; er wird in der Folge ihr erstes Treffen im Hotel in Hongkong planen. Snowden verbirgt sich danach in seinem Hotelzimmer, wo er den Journalisten alle Infos liefert, die sie für die ersten Artikel brauchen – und die werden dann bekanntlich weltweit Schlagzeilen machen. Die Enthüllungen gelten als bisher grösster Polit-Skandal des Internet-Zeitalters.

Erst die Fakten, dann die Person

Fesselnd am Film sind nicht die mittlerweile bekannten Enthüllungen, sondern wie Poitras aufzeigt, was Snowden antreibt, sein Leben zu riskieren. Wie sehr das sein Leben verändern wird. Im Hotelzimmer wird diskutiert, welche Strategie bei der Veröffentlichung verfolgt werden soll. Und ob und wann Snowden dabei als Quelle genannt werden muss. Snowden selbst meint, dass sein Name so lange wie nötig unbekannt bleiben soll; er überlässt es aber den Journalisten zu entscheiden, wann er an die Öffentlichkeit treten muss. Er betont dabei, dass es nicht um ihn gehen dürfe. Erst müsse die Information publik werden; er möchte damit vermeiden, dass seine Person vom eigentlichen Thema ablenkt.

Wie bei Kafkas «Schloss»

Mehrmals sagt er, dass er sich der Konsequenzen bewusst sei und dass er keine Angst habe. Dennoch sieht man unmittelbar, wie nervös Snowden nach den ersten Medienberichten ist; wie ihn insbesondere kümmert, was seine Familie und Freundin durchmachen, die er nicht hat warnen können. Das Hotelzimmer wird zur Falle und Snowden ängstlicher; er fürchtet, man höre ihn übers Hoteltelefon ab. Er versucht sein Äusseres zu verändern, während im Fernsehen über ihn berichtet wird. Wie erwartet, wird er selber zur Story. Das alles sind eindringliche Momente in diesem Film.

Laura Poitras unternimmt keine zusätzlichen Recherchen zu Snowden. Sie begleitet die Ereignisse, schildert die Zeit nach den Enthüllungen und die Suche nach einem Fluchtort für Snowden, der schliesslich nach Moskau reist. Seltsam diffus bleibt trotz allem die Bedrohung der Überwachung. Es ist eine geradezu kafkaeske Situation: Der Verlust der Privatsphäre ist de facto eine Realität, dennoch ist es nicht leicht zu sagen, gegen wen konkret sich die Empörung richten kann im «Schloss» NSA.

Jetzt im Kinok St. Gallen, weitere Kinos folgen. Mi, 11.3., 20 Uhr, Diskussion mit Prof. Mathias Lindenau, Leiter Zen- trum für Ethik & Nachhaltigkeit, FHS St. Gallen, und Carlos Hani- mann, WOZ-Redaktor. Moderation: Prof. Rudi Maier, FHS St. Gallen

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