Leucht-Sushi
So landen Frankensteins Fische auf dem Teller

Verwegene Köche verwenden die genmanipulierten Glofishes zum Kochen und verarbeiten sie zu sogenannten «Leucht-Sushis» oder auch Glowing Sushi genannt.

Christian Satorius
Drucken
Teilen
Für das Auge interessant – aber ob das leuchtende Sushi wohl schmeckt?

Für das Auge interessant – aber ob das leuchtende Sushi wohl schmeckt?

Christian Satorius

Amerika ist um eine «kulinarische Attraktion» reicher: Glowing Sushi, leuchtendes Sushi. Den schrillen Neon-Leuchteffekt dazu steuert der Glofish bei, das erste genmanipulierte Heimtier der Welt. Dieses vertreibt die US-amerikanische Firma Yorktown Technologies aus Austin in Texas seit fast zehn Jahren ganz legal über den amerikanischen Zoofachhandel. Nun haben findige Köche des Zentrums für Gen-Gastronomie das patentierte Haustier kurzerhand zu Sushi verarbeitet. Und sie sind begeistert von ihrer Idee: «Beim Kochen werden die grün fluoreszierenden Proteine (GFP) denaturiert und somit zerstört. Der gefrorene Glofish dagegen denaturiert nicht und behält so seine Leuchtkraft.»

Die Zubereitung ist so einfach, dass die Erfinder des Glowing Sushi ihr Rezept gleich zum Nachkochen ins Internet gestellt haben.

Zuchtfisch für Wasserreinheit

Man nehme: Einen tiefgefrorenen Glofish, etwas Wasabi-Pulver für den Geschmack und ein bisschen Wasser. Nun wird alles in einem Mörser zu einem Brei vermengt und dieser dann auf die herkömmliche Sushi-Reisrolle aufgetragen. Fertig. Ob dies nun ein leuchtendes Beispiel hervorragender Kochkunst ist, sei einmal dahingestellt. Fest steht aber, dass den Kritikern der Appetit jetzt schon gründlich vergangen ist. Sie versuchen nun, den Leuchtsushi-Köchen den Brei zu verderben, indem sie Gerichtsklagen vorbereiten.

Ursprünglich nämlich hatte niemand den transgenen Fisch für den Hausgebrauch vorgesehen – nicht als Heimtier und schon gar nicht als Sushi: Gezüchtet wurde der leuchtende Neonfisch im Jahr 1999 von Dr. Zhiyuan Gong von der National University of Singapore, um Wasserverunreinigungen besser aufspüren zu können. Dazu pflanzte der Wissenschafter den etwa sechs Zentimeter langen Zebrabärblingen (Brachydanio rerio) biolumineszente Leuchtgene von Quallen und Korallen ein. Die Fische begannen nun fluoreszierend zu leuchten, sobald sich die Wasserqualität verschlechterte. Die auffällig leuchtende Färbung war also eigentlich als Indikator für Wasserverunreinigungen gedacht.

Electric Green und Cosmic Blue

Als nun aber die geschäftstüchtigen Unternehmer von Yorktown Technologies Anfang des neuen Jahrtausends von dieser Innovation erfuhren, kauften sie Dr. Gong die Technologie des Verfahrens kurzerhand ab. Der Fisch wurde so «weiterentwickelt», dass er das grelle Leuchten nun ständig zeigte, vollkommen unabhängig von der Wasserqualität. Und noch dazu in den Farben Starfire Red (rot), Electric Green (grün), Sunburst orange (orange), Cosmic Blue (blau) und Galactic Purple (pink). Zur grossen Freude von Yorktown Technologies vererbten die Tiere ihre Leuchtfähigkeit nun sogar.

In Amerika schlug der Glofish schon bei seiner Präsentation im Jahr 2003 wie eine Wasserbombe ein: Viele Aquarianer waren begeistert, Kritiker hingegen schlugen Alarm und gingen gerichtlich gegen den genetisch veränderten Frankensteinfisch vor, wie sie ihn nannten – mit Ausnahme von Kalifornien allerdings ohne Erfolg.

Die spezielle Gesetzeslage in den USA kam den Befürwortern der Genfische dabei zu Hilfe. Die Fische fielen als genetisch veränderte Tiere in den Zuständigkeitsbereich der U.S. Food and Drug Administration (FDA), einer für die Überwachung von Lebensmitteln und Arzneimitteln zuständigen Behörde. Da sie aber als Heimtiere ursprünglich gar nicht für den Verzehr vorgesehen waren, sah die Behörde auch keine Gefahr von ihnen ausgehen – so einfach war das. Auch das Landwirtschaftsministerium (United States Department of Agriculture) und die Jagd- und Fischereibehörde (United States Fish & Wildlife Service) winkten damals ab: Unterschiede zu den Wildformen der Tiere seien «nicht auszumachen», hiess es, und somit drohe schliesslich auch keinerlei Gefahr für die amerikanische Flora und Fauna, falls doch einmal einige Tiere der Gefangenschaft entfliehen sollten.

Zooverbände sind kritisch

Yorktown Technologies ging sogar noch einen Schritt weiter und liess verlauten: «Die tropischen Fische würden in nichttropischen Gewässern gar nicht überleben. Selbst wenn Tiere entkämen, hätte das für eventuelle Raubfische keine negativen Konsequenzen.» Schliesslich werde ein Raubfisch ja auch nicht blau, nur weil er einen blauen Fisch gegessen habe. In vielen anderen Ländern der Welt sieht man das freilich anders. Erst vor wenigen Jahren warnte der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe in Wiesbaden (ZZF) seine Mitgliedsbetriebe vor den genmanipulierten Fischen, seien sie doch verbotenerweise vereinzelt auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgetaucht. Hier drohen jedoch Strafen von 50000 Euro und bis zu fünf Jahre Freiheitsentzug.

Gesundheitsfolgen unklar

Ob der Verzehr dieser Frankensteinfische nun gesundheitliche Folgen haben kann, ist hingegen noch vollkommen offen. Die Macher des Leucht-Sushis sehen keinen Grund zur Beunruhigung: «Viele Wissenschafter, Politiker und Unternehmen gehen davon aus, dass transgene Organismen für den Menschen vollkommen ungefährlich sind und die aus ihnen hergestellten Produkte gefahrlos verzehrt werden können», teilten sie mit. Vielfach würde ohnehin gefordert, dass man transgene (genveränderte) Organismen den nichttransgenen Organismen gleichstellen sollte. Das ist der neue American Way of Cooking.

Aktuelle Nachrichten