Kuratorin Susannah Walker: «Das ist so hässlich – ich musste es kaufen»

Die Kuratorin Susannah Walker ergründet das Leben der Mutter und das Verhältnis der Menschen zu den Dingen allgemein. Denn zwischen Museen und Messies ist kein grosser Unterschied.

Valeria Heintges
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(Bilder: Kein & Aber)

(Bilder: Kein & Aber)

Susannah Walker ist Kuratorin und Designhistorikerin. «Objekte sprechen zu mir, und ich höre mir gern an, was sie zu sagen haben», sagt sie. «Jeder Gegenstand hat eine Biografie, eine Persönlichkeit, eine Präsenz», denn in und mit ihnen lebten ihre Vorbesitzer weiter. «Weshalb sonst sollte man Familienerbstücke aufbewahren?» Hat Susannah Walker noch ein gesundes Verhältnis zu den Dingen, stapelt sich im Haus ihrer Mutter Patricia Gilmour das Gerümpel, versperrt den Zugang zum Bett, quillt aus Schränken und Regalen, die Stühle sind unter Zeitungsstapeln begraben. «Gegen Ende ihres Lebens», schreibt Walker, «haben die Dinge die Welt meiner Mutter übernommen.» Doch im Prolog ihres Buches «Was bleibt. Über die Dinge, die wir zurücklassen» kommt Walker überzeugend zu dem Schluss: «Meine Mutter war gar nicht so viel anders als andere Menschen. Wir sitzen alle im selben Boot, und dieses Boot ist bis zum Rand mit Dingen gefüllt.»

Ein Leben im Chaos der Dinge: Susannah Walkers Mutter.

Ein Leben im Chaos der Dinge: Susannah Walkers Mutter.

Wochen und Monate lang wird Susannah Walker versuchen, Herrin über das Chaos im Haus ihrer Mutter zu werden, mit Unmengen aggressiver Reinigungsmittel zu Werke gehen und Männer beauftragen, die massenweise Abfallsäcke heraustragen. Immer wieder wird sie sich fragen, ob sie das Versinken der Mutter im Müll hätte verhindern können. Und doch wissen, dass ihre Mutter jede Hilfe zeitlebens ignorierte oder sogar konsequent ablehnte.

Anhand der Dinge die Vergangenheit verstecken

Walker kennt ihre Mutter kaum, weil das achtjährige Mädchen nach der Scheidung der Eltern beim Vater blieb und die Mutter nur noch selten sah. In ihrem Buch wagt sie einen bewegenden Erkundungsgang ins Lebenslabyrinth der Mutter. Zugleich ist es der intelligente Versuch, das Verhältnis der Menschen zu den Dingen allgemein zu klären. Mit der Kenntnis einer Designerin und Kuratorin und den Schmerzen einer vernachlässigten und ungeliebten Tochter ergründet Walker mit 18 Objekten in 18 Kapiteln das Wesen der Mutter. Vom kleinen, von Erinnerungen unbelasteten Glasvogel über ein Porzellanservice, das sie seit ihrer Scheidung im Schrank verstauben liess, und eine Zeitleiste, in der die Mutter in Punkten und Strichen die Tragik ihres Lebens notiert, bis zu einem Armreif. Den lässt die Tochter sich aus den schmerz- und wertvollsten Dingen herstellen, die sie im Gerümpel findet: den Taufbecher der Mutter und den Serviettenring des Onkels, der nur 13 Monate alt geworden ist. Beides zusammen verkörpert die herzzerreissende Überzeugung der Mutter, es wäre besser gewesen, der Bruder hätte überlebt und sie selbst wäre ­gestorben.

Schon bald stellt Walker fest, dass die Horterei der Mutter nur dem einen Zweck diente: Die Vergangenheit und mit ihr die Dinge, die sie verkörpern, tief und unauffindbar zu verstecken. Und den Weg dahin mit Zeitschriften und anderem Müll zu verstellen, um so vom damit verbundenen Schmerz abzulenken. «Horter versuchen, die Trauer und das Chaos, die in ihren Köpfen herrschen, in dem Durcheinander in ihrer Umgebung sichtbar zu machen», schreibt Walker. Zudem litt die Mutter wohl, so Walkers Diagnose, infolge ihrer Alkoholabhängigkeit am «Diogenes-Syndrom».

Auch Andy Warhol war ein Horter

Aber die Übergänge vom Sammeln zum Horten sind fliessend, ein obsessives Sammeln in manchen Berufen beinahe Voraussetzung für Erfolg. Wie kann man sonst erklären, dass die Ateliers vieler Künstler vollgestellt sind, alles gesammelt und aufbewahrt wird mit der Begründung «das könnte ich noch gebrauchen»? Ein Satz, den wohl jeder Mensch schon einmal gedacht und sich damit gegen das Wegschmeissen entschieden hat. Walker nennt zahlreiche Künstler, die Horter waren. Etwa Andy Wahrhol, der sein grosses Haus so lange füllte, bis er nur noch ein Zimmer bewohnen konnte. Und der schliesslich sein Zeug – darunter Briefe, Batterien, ein Stück Geburtstagskuchen, Flugtickets – in Kartons sammelte, die er «Zeitkapseln» nannte und verkaufen wollte, von denen er sich dann aber doch nicht trennen konnte. Heute gilt Warhol als Horter, seine 612 Zeitkapseln, in denen sich durchaus wertvolle Dinge neben toten Ameisen oder längst vergammelten Sandwiches finden, als serielles Kunstwerk.

Susannah Walker und ihre Mutter, 1969

Susannah Walker und ihre Mutter, 1969

Auch die Arbeit von Kuratoren und Museen und die Krankheit der Horter unterscheiden sich nur in Details. Museen wie das Victoria and Albert Museum in London, in dem Walker ein Praktikum absolvierte, sammeln Gebrauchsgegenstände. Zum Teil nach ganz subjektiven Kriterien entscheiden sie, was sie in ihren überfüllten Depots aufbewahren. Dabei werden die Objekte ihres eigentlichen Zwecks beraubt, etwa wenn ein Tisch im Museum nie wieder als Arbeits- oder Esstisch benutzt wird; auch ein zugestellter Tisch im Hause eines Horters hat seinen eigentlichen Zweck verloren. Zudem gehen beide davon aus, dass Dinge wertvoller werden, wenn sie mit Erinnerung beladen werden; etwa wenn der Schreibtisch eines Schriftstellers auch lange nach dessen Tod im Museum ausgestellt ist oder der Horter an sich wertlose Objekte mit Bedeutung auflädt.

Walker ist klarsichtig und ehrlich genug, um sich ständig die Frage zu stellen: Könnte ich zur Horterin werden? Was unterscheidet Mutter und Tochter? Beide berichten nach Shoppingtouren durch Secondhand-Läden stolz: «Das Objekt war so hässlich – ich musste es kaufen.» Auch Walkers Wohnung ist vollgestellt mit Dingen. Am Ende wird sich Walker sagen können, dass sie keine Horterin ist. Aus dem einzigen Grund, dass sie schnell entscheiden kann, was weggeschmissen wird. Und sie sich nicht – wie die Horter – so ablenken lässt, dass die Aufräumaktion letztlich im Sande verläuft.

Susannah Walker: Was bleibt. Über die Dinge, die wir zurücklassen, Kein & Aber 2018, 428 Seiten