«Smith & Wesson» in der Kellerbühne St.Gallen: Mit Visionen in den Abgrund

Alessandro Bariccos Kammerspiel «Smith & Wesson» in der Kellerbühne St.Gallen macht den Untergang zum subtilen Spektakel.

Bettina Kugler
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Rachel (Boglárka Horvàth) braucht eine Story, Smith & Wesson lassen sich einspannen.

Rachel (Boglárka Horvàth) braucht eine Story, Smith & Wesson lassen sich einspannen.

Bild: Urs Bucher

Wer in der Pause kurz frische Luft schnappen geht vor der Kellerbühne, der wird sich plötzlich weit weg wähnen, nicht nur am Premierenabend. Rauscht nicht das Wasser laut in der Mülenenschlucht, als stünde man an den Niagarafällen? Das macht Alessandro Bariccos «Smith & Wesson»: Das Stück, aus dem man gerade aufgetaucht ist und in das man sich gleich wieder stürzen wird – neugierig, ob wohl der Coup gelingt. Wird es die Jungreporterin Rachel Green schaffen, sich selbst die prächtigste Schlagzeile zu liefern, indem sie unversehrt aus den Tiefen der Wasserfälle auftaucht?

Wie töricht das ist, wie vermessen: geschenkt. Gleichwohl hat der italienische Dramatiker Baricco, bekannt durch Werke wie «Novecento» oder die Novelle «Seide», aus der Story ein Kammerspiel gemacht, das zwei Stunden lang auf wundersame Weise die Hoffnung nährt, es könnte tatsächlich glücken. Dies, weil die drei Hauptfiguren so liebenswert schrullig sind. So närrisch besessen von ihren fixen Ideen und von Rachels Plan.

Draussen der Wasserfall, drinnen die feuchte Höhle

Er steht für viel mehr als ein tollkühnes Abenteuer, für einen Medienhype zu Beginn des 20.Jahrhunderts. Wenn Rachel sich im Holzfass in die Tiefe stürzt, dann nicht todesmutig, doch aus Lebensgier. Und vor allem deshalb, weil sie ein tolles Team geworden sind: sie und die beiden Eigenbrötler Tom und Jerry, Smith und Wesson.

Mit Bariccos «Smith & Wesson» bringt Kellerbühnen-Leiter Matthias Peter einmal mehr ein subtiles, komisch-melancholisches Stück in das St.Galler Kleintheater, und dort passt es auch wunderbar hin: outdoor wie indoor. Draussen der Wasserfall, das feucht-kühle Lüftchen, drinnen das Bühnengewölbe.

Mehr als einen kleinen Kanonenofen, ein paar Hocker und eine Wäscheleine braucht es da nicht für die Zeitreise an den unwirtlichen Schauplatz der Ausgangsszene, Wessons feuchte Höhle nahe den Wasserfällen. Da liegt er zu Beginn im Bett wie Carl Spitzwegs armer Poet, die Mütze in die Stirn gezogen, den Topf mit stinkendem Bohnenpüree auf dem Nachttisch.

Der Fluss weiss alles

Alexandre Pelichet spielt den Einsiedler und Möchtegernhelden leise und vielschichtig, als einen, der sich nicht in die Karten blicken lässt. Obwohl Karten seine wichtigste Orientierung sind: wie die Farben des Flusses, wie dessen wechselnde Fliessgeschwindigkeit. All das hat auf Wesson abgefärbt; Pelichet reizt das sensibel aus.

Laut und tosend stört Hans Rudolf Spühler Wessons Einsamkeit, mit der überbordenden Energie eines Wasserfalls. Er ist Smith, der Meteorologe, der mit Regen und Sonnenschein, Nebel und Sturm Lebensgeschichten aufzeichnet und bald mit verrücktem Erfindergeist für Rachel die Überlebenskapsel konstruieren wird. Obwohl oder gerade weil Rachel gut über sein Vorleben Bescheid weiss.

Mary Poppins stürzt sich in die Fluten

Der dramatische Fluss kommt dennoch zuweilen ein wenig ins Stocken, wird etwas zähflüssig – mögen die Dialoge auch munter sein und hellwach. Mag man sich noch so verbrüdern mit den schrulligen Typen und der jungen Frau, der Boglárka Horvàth einen unerschrockenen, frohen Charme gibt, einen Hauch Mary Poppins. Schade nur, dass sie weder fliegen noch zaubern kann. Dafür ist ihre sprachliche Überzeugungskraft eine Wucht.

Etwas zu spät kommt Simone Stahlecker als Hotelchefin Mrs. Higgins ins Spiel. Gerade weil von ihr so oft die Rede ist, würde man sie nur allzu gern sehen – nicht erst, als Rachel schon nicht mehr atmet und überhaupt die Luft draussen ist aus dem feinen Kammerspiel. Ein paar beherzte Striche vorher wären ihr wohl zugutegekommen. Wie ein glimpflicher Ausgang des Niagara-Events.

Die Kellerbühne bleibt trotz verschärftem Veranstaltungsverbot des Bundes bis auf weiteres geöffnet (mit auf 90 Personen reduzierter Platzzahl).
Vorstellungen von «Smith & Wesson» bis 22.3.; nächste Termine: 14.3., 20 Uhr; 15.3., 17 Uhr.