Smartphone hinter Gitarren

Mile Me Deaf klingt wie die coolste Band Brooklyns mit mindestens fünf Mitgliedern. Das sind sie nicht. Sondern grossartiger Underground aus Wien.

Timo Posselt
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RORSCHACH. Kaum etwas ist so, wie es scheint, bei dieser Band. Mile Me Deaf machen Musik, die zwischen kaugummikauender Coolness und psychedelischer Düsternis taumelt. Die Gitarren bauen Wände auf und die Synthesizer flirren bedrohlich. Es ist ein voller Sound, der nach einer fünfköpfigen Band klingt – mindestens. Doch Mile Me Deaf ist im eigentlichen Sinne keine Band. Sondern lediglich das 2004 gegründete Projekt von Wolfgang Möstl.

In bester Copy-Paste-Manier

Nicht gerade eine Name, der nach der grossen weiten Welt klingt. Ganz anders als die Musik: Mile Me Deaf klingt wie eine Band aus dem hippen Brooklyn oder einem Londoner Szene-Bezirk. Doch der Familienname deutet es schon an, Möstl kommt aus Österreich, genauer aus Wien. Nach zwei Alben mit wechselnden Mitmusikern hat Möstl die zehn Songs auf seinem aktuellem Werk «Eerie Bits of Future Trips» allein aufgenommen. Auch wenn die kreischenden Gitarren anders klingen mögen: Diese Platte bekam zu keinem Zeitpunkt einen Gitarrenverstärker zu Gesicht. Möstl spies die Gitarren einfach direkt in sein Smartphone oder andere portable Geräte. In bester postmoderner Copy-Paste-Manier hat er geklaut und verfremdet: Was sich als Gitarre ausgibt, ist eigentlich Sample, verzerrte Stimme oder Synthesizer.

Ausdruck des prekären Daseins

Damit hebt Möstl die Klangästhetik von Lo-Fi auf die Höhe der digitalen Zeit. Was seinen Ursprung in den Sechzigern beim Rauschen des Vierspuraufnahmegeräts oder dem Knistern vom Kassettenrekorder hatte – und damals zum Beispiel die Beach Boys, Bob Dylan oder Sonic Youth zu begeistern wusste – ist im 21. Jahrhundert angekommen. Möstl tat es weniger, weil es gut klingt. Vielmehr ist diese versteckte Smartphone-Klangästhetik Ausdruck seines prekären Musiker-Daseins. Dies unterscheidet ihn auch von seinen erfolgsverwöhnten Landsleuten von Wanda. Anders als ihnen geht es bei seiner Musik nicht um den grossen Griff nach dem Markt. Möstl sucht vielmehr das musikalische Experiment.

Sattes Lob fürs Album

In einer früheren Zeile brachte er es auf den Punkt: «Money's like a night, it's over pretty quick». Etwas, was man den für Überheblichkeit nicht unanfälligen Wanda-Mitgliedern gern ihrem Erfolgszug hinterher rufen möchte. Doch inzwischen scheint sich Möstls Konsequenz auszuzahlen. Dieses Jahr folgten Festival-Auftritte in England und auch sattes Lob für das aktuelle Album vom dortigen New Musical Express. Ein Szene-Blog beschreibt Möstl schliesslich «als Genie, von dem du noch nie hörtest». Zu Recht, wie man morgen im Treppenhaus sehen kann.

Fr, 23.10., 21.30 Uhr, Treppenhaus Mile Me Deaf mit One Sentence; Support: Supervisor (CH)