Slim Shady ist zurück

Drei Jahre hat sich Eminem für «The Marshall Mathers LP 2» Zeit gelassen. Das neue Album zeigt den Rapper nostalgisch und erstarkt.

Michael Gasser
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Eminem zusammen mit dem bärtigen Rick Rubin, der «The Marshall Mathers LP 2» mitproduziert hat. (Bild: pd)

Eminem zusammen mit dem bärtigen Rick Rubin, der «The Marshall Mathers LP 2» mitproduziert hat. (Bild: pd)

Bei den erstmals verliehenen YouTube-Awards in New York wurde am Wochenende auch Eminem ausgezeichnet – als Künstler des Jahres. Und das, obwohl sein achtes Studioalbum erst gestern auf den Markt kam. Das zeigt vor allem eins: Der Rapper, der mit bürgerlichem Namen Marshall Bruce Mathers III heisst, wurde sehnlich vermisst. Nicht zuletzt von der Musikindustrie. Denn Eminem ist ein Hitgarant, hat bis dato über 220 Millionen Platten verkauft und mit seinen Alben gleich sechsmal hintereinander die Spitze der US-Charts geknackt.

Das Gefühl der Nostalgie

Dass der Titel seines neuen Werkes «The Marshall Mathers LP 2» Erwartungen wecke, sei ihm bewusst, gestand Eminem gegenüber dem Musikmagazin «Rolling Stone». Ihm sei es jedoch keineswegs darum gegangen, an jeden einzelnen Song von «The Marshall Mathers LP» aus dem Jahre 2000 anzuknüpfen – seinem künstlerisch grössten Erfolg bislang. «Mir ging es eher um das Gefühl und die Nostalgie.» Und diese stellt sich bereits beim ersten Song ein: «Bad Guy» ist nichts anderes als die Fortsetzung von «Stan», der Geschichte eines Fans, der sich und seine schwangere Freundin im Drogenrausch von der Brücke fährt, weil er sich von seinem Idol Slim Shady – ein Alter Ego von Eminem – ignoriert fühlt. Jahre später rächt sich nun der kleine Bruder, zwingt den Star in den Kofferraum seines Autos und donnert durch Detroit. Das von einer Frauenstimme untermalte Stück, das den Hit von einst gleich mehrfach zitiert, endet in einem verstörenden Monolog und dem scheinbaren Tod von Slim Shady.

Eminem entschuldigt sich

Statt vorwärts zu schauen, blickt Eminem jetzt zurück. Auf sein schwieriges Verhältnis zu seiner Ex, auf die Beziehung zu seiner Mutter, die ihn 1999 wegen Verleumdung auf zehn Millionen Dollar verklagte. Und siehe da: In «Headlights» entschuldigt sich der 41-Jährige bei ihr und rappt: «Du bist immer noch schön, schliesslich bist du meine Mom.» Doch Eminem ist nur ihr gegenüber nachgiebig geworden. Durch «The Marshall Mathers LP 2», produziert von Dr. Dre und Rick Rubin, zieht sich eine breite Spur der Aggressivität. Eine Aggressivität, die sich einmal mehr gegen Schwule, Verflossene, aber auch gegen den Künstler selbst richtet: «Ein Borderline-Genie, das von seinen eigenen Lyrics gelangweilt ist», reimt und urteilt Eminem. An anderer Stelle spottet er aber über die Krähenfüsse, die sich um seine Augen ausbreiten, über die von ihm immer wieder benutzten Klischees oder über seine Unfähigkeit, erwachsen zu werden. Momente, die herausstechen.

Härter, direkter, psychotischer

Nachdem sich Eminem auf der letzten CD, «Recovery» (2010), seiner Methadon-Abhängigkeit, dem Entzug und den entsprechend schwierigen Zeiten widmete, ist jetzt wieder ein Stück Lebenslust zurückgekehrt. Die Lieder sind weniger dunkel, dafür direkter, härter, psychotischer. Eminem verweist in seinen Tracks auf den Serienkiller Ted Bundy, auf Ted «Unabomber» Kaczynski und imitiert genüsslich und mit harsch gewordener Stimme Yoda aus Star Wars. Wie um zu beweisen, dass er nicht zum Alteisen gehört, rappt Eminem wie gewohnt in Höchstgeschwindigkeit. Silbe eilt auf Silbe. Die Beats und die Melodien sind in der Regel rauh.

Er macht sich aber auch öfters einen Spass daraus, Mainstream-Rock einfliessen zu lassen. So bedient er sich in «So Far» bei Eagles-Gitarrist Joe Walsh und dessen hedonistischer Hymne «Life's Been Good». Gewöhnungsbedürftig. Das gilt auch für den Track «Rhyme And Reason», wo er im gleichen Stil herumsäuselt, wie es die britische Rockband The Zombies in «Time Of The Season» getan haben.

Der furchtlose Antiheld

Dennoch: «The Marshall Mathers LP 2» ist eine Rückkehr zu alter Form und klassischem Hip-Hop. Songs wie «Bezerk», eine Hommage an die Beastie Boys, oder ein weiteres Duett mit Rihanna, «The Monster», bieten musikalisch zwar nichts Neues, aber: Eminem akzeptiert mit dem Album wieder seine Rolle als polternder und furchtloser Antiheld. Und als solcher ist er am überzeugendsten, wenn er Gift, Galle und Geschmacklosigkeiten spuckt. Kein schönes Porträt eines Mannes mittleren Alters, dafür ein packendes.

Eminem: «The Marshall Mathers LP 2» (Interscope/Universal).

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