Skulpteur im Stadtraum

Grosse Gebärde und ausgeklügelte Details, markante Fassaden und stimmungsvolle Innenräume: Heinrich Grafs Werk setzt Akzente. Katrin Eberhard hat seinen Nachlass aufgearbeitet und stellt ihn in einem Buch vor.

Josef Osterwalder
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Das Restaurant Walhalla, wie es Heinrich Graf 1964–1966 geschaffen hat: Mit geschosshoher Verglasung und eigens kreiertem Mobiliar. (Bild: pd)

Das Restaurant Walhalla, wie es Heinrich Graf 1964–1966 geschaffen hat: Mit geschosshoher Verglasung und eigens kreiertem Mobiliar. (Bild: pd)

Der Ort der Buchpräsentation war gegeben: das Baratella. Hier sass Heinrich Graf (1930 – 2010) am liebsten, durfte sein, wie er ist, ein Mensch, der Gegensätzliches nicht nur in sich, sondern auch in seiner Architektur vereint.

Wie gross das Interesse an seinem Werk ist, zeigte sich nicht nur am Andrang zur Buchpremiere, sondern auch im Engagement des BSA (Bund Schweizer Architekten), der sich für die Sicherung von Heinrich Grafs Nachlass eingesetzt hat. Dieser wurde dem Staatsarchiv übergeben, von der Architekturhistorikerin Katrin Eberhard aufgearbeitet und in einer eingehenden Publikation vorgestellt.

Eigenständige Lösungen

Der Umgang mit Heinrich Grafs Erbe ist kein leichtes Unterfangen. Denn seine Arbeiten gleichen sich nur in einem Punkt: dass keine der anderen gleicht. Von Graf stammt sowohl die Betonarchitektur der Achslentürme als auch das metallene Formenspiel des Grossackerzentrums, er konnte sowohl Kirchenräume als auch Läden gestalten, das eine mit innerlicher, das andere mit extravertierter Attitüde.

«Es gibt keine übergreifenden Merkmale, die sein Schaffen fassen könnten, keine Beschränkung auf einzelne Materialien, Stile oder Bauaufgaben, kaum Wiedererkennungseffekt», schreibt Katrin Eberhard. «Grafs Werke sind oft nicht auf den ersten Blick als solche erkennbar, sondern sie fallen einem plötzlich auf, weil sie ein architektonisches oder städtebauliches Problem auf eigenständige, durchdachte und angemessene Art und Weise lösen.»

«Fantastische Architektur»

Dieser Besonderheit trägt die Autorin auch durch drei besondere Zugänge Rechnung, sie schildert den architektonischen Ansatz, das Zusammenspiel von alt und neu und das Bemühen um zeitgemässe Interieurs.

«Fantastische Architektur», unter diesem Titel fasst Katrin Eberhard die unterschiedliche Attitüde seiner Bauten zusammen. Geprägt von einer kreativen Phantasie scheinen sie zuweilen die Existenz des rechten Winkels vergessen zu haben.

Der Kulturwissenschafter Peter Röllin sagte dazu an der Buchpremiere: «Heinrich Graf war nicht Minimalist, hat sich nie dem Gestaltzwang der Geometrie untergeordnet. Wie ein leidenschaftlicher Bühnenbildner hat er konzentriert in seiner Stadt unglaublich viel angedacht und doch nur einen Bruchteil verwirklicht.» Dies dokumentiert Katrin Eberhard im Werkverzeichnis, in dem auch viele Wettewerbseingaben Grafs aufgeführt sind.

Bauen in der Altstadt

Phantasie ist bei Heinrich Graf aber alles andere als Rücksichtslosigkeit. Dies zeigt sich namentlich bei seinem Bemühen um die Integration von Neubauten in der Altstadt, dem das Buch das zweite grosse Kapitel widmet. Frühestes Beispiel ist das Laden- und Geschäftshaus beim Neugassbrunnen, in der Verzweigung von Neugasse und Hinterlauben, in der Massstäblichkeit der Architektur der Altstadthäuser nachempfunden und doch kompromisslos modern, passt es weit besser als alle historisierenden Anbiederungen.

Mit Pilgerhof, Geschäftshäusern Oberer Graben, Brühlgasse und Charles Vögele sind weitere Bauten dazu gekommen; bei letzterem musste dann allerdings die Fassade stehen bleiben.

Meister des Interieurs

Den dritten Zugang bilden die Interieurs, bei denen mit der Villa für O. W. Fischer (1959/60) gleich zu Beginn ein Referenzbau gelang. Unverwechselbar dann auch Grafs Ausstattung des Restaurants Walhalla (1964/66), ein Raum von zeitloser Moderne.

Für BSA-Obmann Andy Senn waren es gerade die massiven Veränderungen an diesem stimmungsvollen Innenraum, die den BSA auf den Plan gerufen hat, Grafs Werk zu dokumentieren und zu sichern.

Buch: Katrin Eberhard: «Heinrich Graf. Bauten, Projekte, Interieurs», Verlag Scheidegger & Spiess; 69 Franken