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In der Kunsthalle St.Gallen ist Sizilien zu Gast

Renato Leottas Kunst entsteht nicht im Atelier, sondern direkt am Meer. Die St. Gallerin Valentina Stieger hingegen thematisiert in ihren minimalistischen Skulpturen den Drang, Innenräume bis ins kleinste Detail zu optimieren.
Christina Genova
29 Strände hat Renato Leotta in den letzten drei Jahren besucht und dort Gipsabgüsse genommen. (Bild: Urs Bucher, St. Gallen, 28. September 2018)

29 Strände hat Renato Leotta in den letzten drei Jahren besucht und dort Gipsabgüsse genommen. (Bild: Urs Bucher, St. Gallen, 28. September 2018)

Sand mit Muscheln durchsetzt von der Insel Favignana. Schwarzer Lavasand vom Fusse des Ätnas. Feinkörniger, fast weisser Sand von Mondello, dem Stadtstrand von Palermo. 29 Strände Siziliens hat Renato Leotta in den letzten drei Jahren besucht und dort Gipsabgüsse abgenommen. Er hat seine Insel kartografiert, einen flüchtigen Moment in Gips festgehalten. Leottas Sandsammlung ist in der Kunsthalle auf türkisfarbenen Podesten ausgelegt. Es ist ein Archiv, das zum Staunen einlädt: über die unendlichen Farbschattierungen des Sandes. Und über die Spuren, die Meer, Wind und Wetter hinterlassen haben: die Regentropfen kleine Krater, der Wind ein regelmässiges Streifenmuster.

Fotografiertes Mondlicht

Gela, Patti, Catania, Trapani: Die Gipsobjekte tragen als Titel die Orte, wo sie entstanden sind. Renato Leottas «Gipsoteca», wie der Künstler seine fortlaufende Sammlung nennt, ist wie auch seine übrigen Arbeiten von einer berückenden Poesie, doch lassen sich darin auch politische Bezüge ausmachen. Denn die sizilianischen Strände haben längst ihre Unschuld verloren. Dort werden jene angespült, welche die gefährliche Reise übers Mittelmeer nicht überlebten. Dort kommen jene Erschöpften an, welche all ihre Hoffnungen in einen Neuanfang in Europa setzen. Angekommen sind auf Sizilien auch zahlreiche Eroberer: Griechen, Normannen, Araber und viele mehr haben dort ihre Spuren hinterlassen. Der Strand löst die Illusion einer festen Grenze endgültig auf, das Meer verschiebt sie immer und immer wieder. Aufgewachsen ist Renato Leotta in Turin. Seine Eltern haben Sizilien verlassen und Arbeit bei Fiat gefunden. Der 36-Jährige nahm den umgekehrten Weg und lebt nun zeitweise in Acireale, einem Städtchen ganz in der Nähe des Dorfes seines Vaters.

Sizilien ist für Renato Leotta ein grosses Atelier. Seine Arbeiten entstehen direkt vor Ort, was ihnen eine berührende Unmittelbarkeit verleiht. Auch «Multiverso» entstand am Meer. Auf drei schmalen blauen Bahnen aus Baumwolle hat das Salz den Pegelstand des Wassers verewigt. Die Horizontlinie variiert gemäss den Gezeiten. Es ist ein reduziertes Gemälde vom Meer.

Für seine dritte Werkserie, die «Lunagramme», baute Renato Leotta eine Kiste aus Holz und legte ein lichtempfindliches Silber-Gelatine-Papier hinein. Dann liess er die Kiste nachts auf dem Meer schwimmen. So gelang es ihm, die Reflexe des Mondlichts auf der bewegten Meeresoberfläche einzufangen.

Schöner wohnen heisst besser leben

Valentina Stiegers Skulpturen erinnern an mal an Designmöbel, mal an Absperrungen. (Bild: Urs Bucher, St. Gallen, 28. September 2018)

Valentina Stiegers Skulpturen erinnern an mal an Designmöbel, mal an Absperrungen. (Bild: Urs Bucher, St. Gallen, 28. September 2018)

So genau wie Renato Leotta sich der Natur und der Landschafts Siziliens widmet, so sensibel beobachtet Valentina Stieger Innenräume. Doch sind ihre minimalistischen Skulpturen nicht so leicht zugänglich wie die Arbeiten Leottas. Mit weissen Metallgestellen hat die St. Gallerin den Raum strukturiert und sie perfekt auf die Gegebenheiten der Kunsthalle abgestimmt. Sie erinnern mal an ein Geländer oder eine Abschrankung, mal an die Gestänge von Büromöbeln. An der Wand befestigt, entledigen sie sich vollends dieser Assoziationen und offenbaren, was sie eigentlich sind – unabhängige Skulpturen. Reduktion und Normierung begegnen uns auch in den Wohnzimmern und Büros dieser Welt, wo das Mantra lautet: Schöner wohnen und arbeiten heisst besser leben. Die Individualität bleibt auf der Strecke.

Valentina Stieger interessiert sich für die Schnittstellen zwischen Skulptur, Design und Dekoration. Sie hat die Metallgestelle mit Wachsobjekten verbunden, deren lange Dochte sich darum winden. Denn in der durchgestylten Stube darf auch die farblich perfekt darauf abgestimmte Dekokerze nicht fehlen. Einzige Spuren menschlicher Anwesenheit sind über die Räume verteilte weisse Sportsocken – ein Massenprodukt. Um nicht einen Anflug schlechten Geruchs aufkommen zu lassen, sind sie mit «Dark Vanilla» besprüht, einem Textilspray, gekauft bei einer grossen Kleiderkette. Für Valentina Stieger ist dies der Gipfel der Dekadenz.

Bis 2.12. k9000.ch

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