Siobhán Hapaska rüttelt in der Kunstzone der St.Galler Lokremise Olivenbäumchen

Die 56-jährige Irin zeigt Skulpturen, die für eine Welt in Aufruhr stehen. Aber es gibt Hoffnung.

Christina Genova
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Siobhán Hapaska, gebürtige Irin mit Atelier in Rotterdam, mag klare Worte.

Siobhán Hapaska, gebürtige Irin mit Atelier in Rotterdam, mag klare Worte.

(Bild: Urs Bucher)

Die drei Olivenbäumchen werden gerüttelt und geschüttelt. Ein Motor versetzt sie in ständige Vibration. Sie sind an Spanngurten festgezurrt und hängen in der Horizontalen. Es sieht aus, als ob sie gefoltert würden. Am Boden liegt Erde und ein Häufchen Blätter. Es ist ein gewalttätiges Bild: Am liebsten würde man die Bäume von ihren Fesseln befreien und retten.

Der Olivenbaum wird im Verlaufe der Ausstellung verdorren und alle Blätter verlieren.

Der Olivenbaum wird im Verlaufe der Ausstellung verdorren und alle Blätter verlieren.

(Bild: Urs Bucher)

Siobhán Hapaska entwirft mit ihrer Installation «Olive trees» in der Kunstzone der Lokremise St.Gallen ein eindrückliches Bild. Der Olivenbaum – Quelle der Nahrung, des Lichts, der Wärme und Symbol des Friedens – befindet sich in einer äusserst prekären Situation. Dies weckt viele Assoziationen: an die Kriege und Konflikte rund ums Mittelmeer, wo die Olivenbäume heimisch sind, an die damit verbundenen Fluchtbewegungen und die Entwurzelung der Menschen, aber auch an ökologische Fragestellungen. Die 56-jährige Irin sagte an der gestrigen Pressekonferenz über «Olive trees»: «Es ist eine Analyse der Welt im Moment.»

Ewig rotierendes Signallicht

Wobei Hapaska dem Begriff der «Verwurzelung» wenig abgewinnen kann – sie hält es für ein überkommendes Konzept. Zu oft sei es von der Politik instrumentalisiert worden, um territoriale Ansprüche geltend zu machen, die schliesslich zu Kriegen führten. Sie, die in Belfast aufgewachsen ist, weiss dies nur zu gut: «Warum können sich die Menschen nicht frei bewegen?», fragt die Künstlerin, die klare Worte liebt.

Für «Earthed» hat Hapaska das ewige Licht der Kirchen und Synagogen adaptiert zu einem Sinnbild für «das ewige, menschengemachte Chaos und Durcheinander».

Für «Earthed» hat Hapaska das ewige Licht der Kirchen und Synagogen adaptiert zu einem Sinnbild für «das ewige, menschengemachte Chaos und Durcheinander».

(Bild: Urs Bucher)

Auf den prekären Zustand der Welt verweist Hapaska auch mit ihrer originellen Skulptur «Earthed» – ihre katholische Herkunft kann sie nicht verleugnen. Das lampenähnliche Objekt erinnert an das ewige Licht in Kirchen und Synagogen, das für die ständige Gegenwart Gottes steht. Hapaska, die gemäss eigenem Bekunden weder an die Existenz von etwas Göttlichem glaubt, geschweige denn dessen Anwesenheit spürt, hat das religiöse Objekt auf den Boden der Realität gebracht. Statt einer Kerze brennt im roten Lampenschirm ein rotierendes Signallicht, wie man es von Krankenwagen oder Polizeiautos kennt. Für die Künstlerin ist es ein Sinnbild für «das ewige, menschengemachte Chaos und Durcheinander».

Die Skulptur «Love» besteht aus Betongewebe.

Die Skulptur «Love» besteht aus Betongewebe.


(Bild: Nik Roth)

Auch das Betongewebe, aus welchem die Skulptur «Love» besteht, verweist auf Notsituationen: Es wird unter anderem für Flüchtlingsunterkünfte verwendet. Das Material wird in feuchtem Zustand in Form gebracht und ist nach dem Trocknen hart wie Beton. Durch die Faltungen bekommt es einen textilen Charakter. Hapaska formte daraus zwei von innen heraus leuchtende Gestalten, die sich einander zuwenden.

Rotglänzender Fiberglasapfel

Die Skulptur «Snake, Apple, Tree».

Die Skulptur «Snake, Apple, Tree».


(Bild: Nik Roth)

Die Skulptur «Snake, Apple, Tree» bezieht sich auf die Genesis und die Geschichte vom Sündenfall, die Hapaska radikal umdeutet: «Für mich sind Eva und die Schlange die Helden.» Sie sehe nicht ein, warum man die Früchte vom Baum nicht essen dürfe: Wissen und Erkenntnis seien doch erstrebenswert. Mit «Snake, Apple, Tree» dekonstruiert sie die Geschichte und beweist Humor: Das Objekt besteht aus Holzelementen und industriellen Aluminiumteilen, die mit Kunstschlangenhaut überzogen sind. Eine platt gedrückte, rotglänzende Fiberglaskugel steht für den Apfel.

Für die Olivenbäumchen gibt es Hoffnung: Nach der Ausstellung bekommen sie ein zweites Leben. Vielleicht im Garten der Künstlerin, wo auch andere malträtierte Bäumchen wieder ausgeschossen sind: «Sie sind ziemlich resilient, so wie die Menschen», sagt Hapaska.

Kunstzone Lokremise St.Gallen, bis 21.6.