Sinnlicher Alltag einer Musikerin

Mal häkelt ein blasser Mond Dunstspitzen vors Fenster, mal liegen Nachtträume wie erschöpfte Hunde vor dem Bett. Einer hat Meeraugen, ein anderer eine bürstenrauhe Stimme, die Rivalin ist die Tabakblonde, und manchmal drehen sich im Kopf Windmühlen.

Beda Hanimann
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Focus - Lesen - Kanzler (Bild: Beda Hanimann)

Focus - Lesen - Kanzler (Bild: Beda Hanimann)

Mal häkelt ein blasser Mond Dunstspitzen vors Fenster, mal liegen Nachtträume wie erschöpfte Hunde vor dem Bett. Einer hat Meeraugen, ein anderer eine bürstenrauhe Stimme, die Rivalin ist die Tabakblonde, und manchmal drehen sich im Kopf Windmühlen. So sieht, empfindet und beschreibt die Ich-Erzählerin in Fee Katrin Kanzlers «Die Schüchternheit der Pflaume» ihre Welt. Es ist das Leben einer jungen Musikerin, die durch Strassen, Häuser und Beziehungen streift. Man hat anfangs Bedenken, ihr assoziatives Beschreiben könnte sich tot laufen. Aber es ist bis zuletzt ein sinnliches Flirren. Die Wahrnehmung von Menschen, Tieren, Pflanzen, Bewegungen und Ereignissen: alles läuft auf der gleichen Ebene, alles hat deshalb mit allem zu tun. Es gibt keine Hierarchie der Empfindungen, diese sind einfach Teil des Lebens – oder das Leben überhaupt. Wer die Schönheiten im Kleinen sehe, gehe zwar auch unter, «aber zusammen mit der Schönheit unterzugehen, das ist es, worauf es ankommt», steht da. Wundervoll.

Fee Katrin Kanzler: Die Schüchternheit der Pflaume. Frankfurter Verlagsanstalt 2012, 318 S., Fr. 28.90