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In St.Gallen lernt man singend zu beten wie die Mönche

An der Kirchenmusikwoche in St.Gallen können Laien die Romantik neu kennen lernen – oder mittelalterliche Gesänge aus dem Kloster. Unsere Autorin nahm an einem Gregorianik-Workshop teil.
Bettina Kugler
Die Orgel wird nur als Ablage gebraucht: Gregorianik ist unbegleitet, einstimmig, trotzdem anspruchsvoll. (Bilder: Ralph Ribi)

Die Orgel wird nur als Ablage gebraucht: Gregorianik ist unbegleitet, einstimmig, trotzdem anspruchsvoll. (Bilder: Ralph Ribi)

Nur wenige Schritte sind es vom historischen Musiksaal im inneren Klosterhof zur Schutzengelkapelle – doch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Ateliers «Gesänge aus dem Kloster» wandern in der kurzen Kaffeepause zwischen zwei Welten. Rund tausend Jahre liegen zwischen Franz Schuberts innig-­eingängiger Psalmvertonung «Gott ist mein Hirt», vierstimmig für gemischten Chor, die sie gerade noch unter der Leitung von Domkapellmeister Andreas Gut im 90-köpfigen Gesamtchor geprobt haben, und dem Psalm, den sie nun in den Händen halten.

«Gesänge aus dem Kloster» ist eines von insgesamt sechs Ateliers der Schweizerischen Kirchenmusikwoche, die 2019 bereits zum elften Mal in St.Gallen stattfindet. Sie strahlt weit aus: neben Sängern, Chorleiterinnen und Organisten aus der näheren Umgebung kommen manche auch aus der Innerschweiz, dem Bündnerland, aus Zürich, Freiburg, dem Wallis.

Arbeit in Ateliers und im Gesamtchor

Bis einschliesslich Samstag widmet sich das Programm einerseits einem jährlich wechselnden Schwerpunktthema: Diesmal ist es Musik aus der Frühromantik im deutschen Sprachraum, etwa von Felix Mendelssohn und seiner Schwester Fanny Hensel. Darüber hinaus können sich interessierte Laien vertieft weiterbilden im Dirigieren oder Orgelspielen, ein neues Repertoire in kleineren Ensembles kennen lernen und viele Impulse der Werkwoche später dort umsetzen, wo sie sonst im Chor singen oder Leitungsaufgaben haben.

Auf wachsendes Interesse stösst schon seit ein paar Jahren der grosse Zeitsprung: zurück an die Wurzeln, zur klösterlichen Musik der ersten tausend Jahre Christentum. Gerade in St.Gallen ist das Atelier Gregorianik am passenden Ort: Viele der einstimmigen Gesänge für das gesamte Kirchenjahr wurden in der Schreibstube des Klosters St.Gallen erstmals aufgezeichnet. Die kostbaren Handschriften liegen in der Stiftsbibliothek; natürlich ist ein Besuch dort für den nächsten Tag vorgesehen.

Hörproben im Kloster und in der Kathedrale

Was während der Kirchenmusikwoche einstudiert wird, lässt sich hören: Im Rahmen von öffentlichen Feiern in der Kathedrale St. Gallen und dem Kloster Notkersegg. Dort ist morgen Freitag um 7 Uhr eine Laudes, gestaltet durch das Atelier «Musik aus dem Kloster»; die übrigen Ateliers wirken mit in der Abendmesse um 18.15 Uhr in der Kathedrale. Im Abschlussgottesdienst am Samstag, 17.30 Uhr, singt der Gesamtchor mit Solisten die Messe in Es-Dur op. 43 von Johann Anton André. (bk.)

Zum Proben aber gibt es zum Glück schnöde Fotokopien, auf denen Bleistiftnotizen erlaubt sind. Vor allem Text ist auf dem Blatt, dazu eine einzige Stimme. Kaum Noten, und die sehen anders aus als gewohnt: quadratisch, ohne Hals. Immerhin! In den alten Handschriften stehen oft lediglich Neumen, «Winkzeichen», über dem Text. Die Mönche kannten die Melodieverläufe par coeur. Statt fünf sind es nur vier Notenlinien – Tempo und Rhythmus schmiegen sich der Sprache an.

Gregorianik-Workshop mit Dozent Michael Wersin.

Gregorianik-Workshop mit Dozent Michael Wersin.

Beim Sternchen klingen die Worte in der Seele nach

Die meisten in der kleinen Runde um Dozent Michael Wersin sind mit Gregorianik schon einmal in Berührung gekommen. Sei es an einem vergleichbaren Kurs im Rahmen von Werkwochen. Oder, was für die älteren Semester gilt, weil lateinische Gesänge in ihrer Kindheit noch gängige Praxis waren – nicht nur das Requiem an Beerdigungen. Dennoch erfordert das Singen zunächst ein Umdenken, eine andere Art von Ruhe und Konzentration. Die auch das Atmen einschliesst.

So geht es etwa eine Weile, bis alle ein Gespür dafür bekommen, wie lang man dort mit dem Weitersingen wartet, wo ein Sternchen eingezeichnet ist. «Asterisk» heisst der Stern; er trennt jeden Psalmvers in zwei Halbverse. Eine Meditationspause, in der die gesungenen Worte in der Seele nachklingen sollen. «Haltet da nicht den Atem an», rät Michael Wersin, «sonst wirkt es unruhig.»

Wir nehmen uns ein «Invitatorium», einen Eröffnungspsalm zum Stundengebet am Morgen vor. Dafür ist es allerdings schon reichlich spät. Die Schwestern im Kloster Notkersegg oberhalb von St.Gallen, bei denen die ­Kirchenmusikwoche am Freitag Station machen wird, beten die Laudes schon morgens um sechs Uhr. Treffpunkt halb sieben im Kloster wird früh genug sein, der Gesang wird sicher gedämpfter klingen als jetzt, kurz vor dem Mittagessen, nach Schubert, dem Gloria aus einer Messe von Johann Anton André und dem Aufmunterungskaffee.

«Learning by singing» in Quadratnotation

Viel Sachkenntnis, Hintergrundwissen und Erfahrung packt Michael Wersin in die ersten neunzig Atelierminuten – ohne über die Köpfe der Sängerinnen und Sänger hinwegzureden. Stattdessen praktiziert er «Learning by singing»; er nimmt Fragen aus der Runde auf, geht auf Besonderheiten der Notation oder historische Hintergründe ein: etwa auf die Geschichte des Heiligen Dionysios von Paris, dem Tagesheiligen, dem zu Ehren er einen passenden Hymnus ausgewählt hat. Durch die Einstimmigkeit wirkt der Text wesentlich stärker: Hymnen waren eine Art Kampfgesang früher Christen, zur Stärkung des Glaubens.

Die Gruppe wird zur Choralschola; nicht lange dauert es, und es geht schon im Wechsel von Frauen und Männern. Dann folgt ein Experiment. «Haltet den Schlusston, wenn die Frauen einsetzen», fordert Wersin die Männergruppe auf. So könnte es begonnen haben mit der Mehrstimmigkeit, lange bevor sie auf Notenpapier festgehalten und gedruckt verbreitet wurde.

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