Singen wie weinen

Neues Album Sie ist nicht nur die Stimme, sondern auch das Gesicht von Lunik: Jaël Malli hat der Schweizer Popmusik ihren Stempel aufgedrückt. Ihre Texte sind grenzenlos, und einfach so vor sich hinsingen kann sie nicht. David Gadze

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Musik habe nichts mit Sport zu tun, sagt Jaël Malli. «Beim Singen geht es nicht um Geschwindigkeit, sondern um Ausdruck und Gefühl.» (Bild: pd)

Musik habe nichts mit Sport zu tun, sagt Jaël Malli. «Beim Singen geht es nicht um Geschwindigkeit, sondern um Ausdruck und Gefühl.» (Bild: pd)

Sie gönnt sich Pausen. Überlegt, blickt oft in die Ferne. Dabei leuchten die Augen von Lunik-Sängerin Jaël Malli, sie lacht viel. Wenn sie erzählt, ist alles in Bewegung. Wörter, Gedanken, Bilder. Die neue Platte «What Is Next» bezeichnet sie als «Reise», die Songs als Wegabschnitte. Sie spricht von Sackgassen, in denen die Gruppe nach der letzten Platte und dem Ausstieg von Schlagzeuger Chrigel Bosshard geraten sei. Auch eine Trennung sei im Raum gestanden, aber nie ausgesprochen worden. In verschiedenen Etappen, in Berlin, auf der italienischen Insel Lipari und im heimischen Bern, hätten sie gemeinsam wieder auf die Erfolgsstrasse gefunden, erzählt sie.

Erster Schritt mit 14

In die Musik sei sie «hineingestolpert», sagt Jaël. Mit 14 sang sie in ihrer ersten Schülerband. Mit dem Pianisten schrieb sie ihr erstes Lied. «Da wurde mir bewusst, dass ich das gerne mache.» Als Kind habe sie zu Hause auf dem Klavier herumgeklimpert und irgendwelche Melodien gesummt. Eine ihrer frühesten Erinnerungen sei ihr Vater, ein Tanzlehrer, wie er durchs Wohnzimmer tanzt. «Zu Hause lief sehr viel Musik. So ist sie in mein Herz gekommen.»

Mit 18 kam Jaël zu Lunik – und drückte mit ihrer Stimme der Musik einen Stempel auf, an dem man bis heute jeden Song der Gruppe erkennt. Zwei Jahre später schloss sie das Lehrerseminar ab und übernahm für ein halbes Jahr eine Stellvertretung. «Ich merkte jedoch, dass das nicht der richtige Beruf für mich ist.» In der Folge jobbte sie und setzte darauf, dass es «mit der Musik schon irgendwie klappen wird». Es klappte. Lunik wurden zu einer der erfolgreichsten Schweizer Popgruppen der letzten zehn Jahre.

Texte ohne Grenzen

Ihre Texte lesen sich wie Tagebucheinträge. Doch wie viel Jaël steckt wirklich in ihnen? «Sehr viel. Auch wenn ich nicht genau das fühlen muss, wovon ich singe. Ich muss das Gefühl aber erlebt haben. Wenn dir einmal das Herz gebrochen wurde, weisst du auch zehn Jahre später noch, wie sich das anfühlt», sagt sie. Sie beschreibe oft ein «Grundgefühl», das sie in eine neue Geschichte verpacke. Dann spiele es keine Rolle, ob der Text von ihr handle oder von jemand anderem. «Songwriting hat für mich viel mit Schauspielerei zu tun. Man schlüpft in ein fremdes Leben und macht es sich zu eigen.» Tabus, vor allem persönliche, kenne sie beim Texten keine. «Das Songwriting ist der falsche Ort, um Grenzen zu ziehen. Das würde den Songs die Seele wegschneiden.» Aber sie verpacke die Geschichten so in die Texte, dass nur sie wisse, worum es gehe.

Auf die Frage, was ihr das Singen bedeute, folgt eine lange Pause. «Früher habe ich oft vor mich hingesungen. Seit ich professionell Musik mache, ist mir das abhanden gekommen. Es ist exklusiver geworden», erzählt sie dann. Singen sei ein ganz bestimmter Kanal, eine Stimme, die wirklich nur dem gewidmet sei, was sie in ihren Texten ausdrücken wolle. «Es ist wie Weinen: Man weint entweder aus Rührung oder weil man traurig ist, nicht jederzeit. Singen ist ein Ausdruck von vielen Emotionen, aber nur, wenn sie da sind. Einfach so ein bisschen vor mich hinsingen, das geht nicht.»

Fällt es ihr schwer, diese Emotionen auf der Bühne auf Knopfdruck abzurufen? An Tagen, an denen es ihr nicht so gut gehe und sie sich am liebsten unter einer Decke verkriechen würde, sei es nicht einfach, die Seele vor tausend Leuten zu öffnen. «Aber auf einer Bühne zu stehen ist auch heute noch ein mystischer Moment. Beim Gang auf die Bühne passiert etwas mit mir. Es versetzt mich immer wieder in einen speziellen Zustand, den ich gar nicht beschreiben kann.»

Plötzlich erwachsen werden

«What Is Next» – den Titel sollte man nicht nur auf die Band, sondern auch aufs eigene Leben beziehen, sagt Jaël. «Ich werde diese Woche dreiunddreissig. Nach dreissig merkt man, dass man die letzten fünfzehn Jahre alles ausprobiert und so getan hat, als wolle man nicht erwachsen werden. Plötzlich stellt sich die Frage, was man noch machen möchte in den nächsten dreiunddreissig Jahren.»

Vor kurzem hat sie geheiratet. Ihren Freund Roger, von dem sie sich 2009 getrennt hatte. Und mit dem sie ein Jahr darauf wieder zusammengekommen ist. Jaëls letzte Platte erzählt davon.