Singen, ohne zu sehen

Am Bach-Zyklus Trogen singt heute die blinde deutsche Sopranistin Gerlinde Sämann.

Peter Surber
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Sopranistin Gerlinde Sämann. (Bild: pd)

Sopranistin Gerlinde Sämann. (Bild: pd)

Es ist eine der «positivsten» Kantaten von Johann Sebastian Bach. Der Titel «Ich bin vergnügt mit meinem Glücke» gibt die Tonlage von BWV 84 vor, der weitere Text lobt die Herrlichkeit Gottes und die irdischen Seligkeiten: «Ein ruhig Gewissen, ein fröhlicher Geist, ein dankbares Herze, das lobet und preist, vermehret den Segen, verzuckert die Not», schwärmt der unbekannte Barockdichter.

Tanzende Finger

Für die Sängerin, die diese Arie heute abend in Trogen singt, dürfte ein solch «fröhlicher Geist» nicht immer eine Selbstverständlichkeit gewesen sein. Gerlinde Sämann, 1969 in Nürnberg geboren, war von Geburt auf sehbehindert und ist seit dem Teenageralter blind. Musik war von Kind an ihr Element, und so studierte sie nach dem Gymnasium Gesang am Richard-Strauss-Konservatorium in München.

Heute singt sie ein breites Repertoire von der Alten bis zur Neuen Musik, Oratorien ebenso wie Liederabende. Die «Süddeutsche Zeitung» schrieb einmal über sie: «Sie singt so schön, dass Mauern dazu tanzen könnten.»

Wie sie sich die Musik aneignet, hat Gerlinde Sämann in Interviews erläutert. In ihrem Musikzimmer in Augsburg steht neben dem Flügel ein Computer.

Sie lässt sich die Noten vorlesen, transkribiert sie und druckt sie aus, auf einem Spezialdrucker in Brailleschrift. Bei Konzerten liest sie die Noten mit den Fingern. «Für viele Leute ist das dann so ein Blickfang, man kuckt die Hand an, die sich hin und her bewegt», erzählt sie. Die Kommunikation mit dem Dirigenten wiederum sei kein Problem – sie spüre, was andere sähen. Im übrigen will sie die Sehbehinderung nicht zum Dauerthema machen. «Viele sagen mir ja: <Dadurch, dass Sie nicht sehen, singen Sie so schön.

> Da wird's mir immer ganz schlecht…»

«Wie es Gott füget»

Referentin des Abends ist die Zürcher Autorin Eleonore Frey-Staiger. Auch ihr ist das Thema Behinderung nicht fremd – ihr jüngster Roman «Muster aus Hans» (2009) handelt von einem autistischen Kind. «Mir gnüget, wie es mein Gott füget»: Die Zeile aus der Kantate dürfte auch für sie spezielle Bedeutung haben.

Bach-Zyklus Trogen, ev. Kirche, heute 19 Uhr, Leitung Rudolf Lutz

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