Singen ist ihr Hobby

Binnen weniger Wochen wurde «Hello» von Adele fast 350 Millionen Mal auf YouTube angeklickt. Die britische Soulsängerin gehört zu den grossen Stars ihrer Zeit. Dabei scheut sie die Öffentlichkeit und leidet unter Lampenfieber.

Michael Gasser
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Adele bezeichnet sich gerne als Durchschnittsengländerin, trotz über 50 Millionen verkaufter Platten und zehn Grammy-Auszeichnungen. (Bild: pd)

Adele bezeichnet sich gerne als Durchschnittsengländerin, trotz über 50 Millionen verkaufter Platten und zehn Grammy-Auszeichnungen. (Bild: pd)

Mitte 2014 war sich Adele Adkins sicher, genügend gute Songs für ihr drittes Album beisammen zu haben. Worauf sie an den Produzenten Rick Rubin gelangte. Dieser zeigte sich vom Gehörten nicht sonderlich angetan. Für seinen Geschmack war die Soul-Sängerin zu sehr darauf aus, das Album schnellstmöglich rauszubringen. Rubins Rat: Mehr auf die eigene Stimme vertrauen und sich nochmals hinter die Lieder klemmen. Was sich Adele zu Herzen nahm.

Sie flucht gerne und häufig

Am kommenden Freitag wird «25», das Resultat ihrer Bemühungen, veröffentlicht. Man ist geneigt zu sagen: endlich. Denn annähernd fünf Jahre musste das Publikum ausharren, bis sich die Britin bereit fühlte, den Nachfolger zu ihrem Erfolgswerk «21» vorzulegen. Fünf Jahre, in denen sich Adele – inzwischen Mutter des dreijährigen Antonio – von der Öffentlichkeit fernhielt. Ihre Privatsphäre ist ihr heute wichtiger denn je. Journalisten, die ein Interview gewährt bekommen, müssen sich nun sogar bereit erklären, eine Geheimhaltungsvereinbarung zu unterzeichnen. Dieses soll etwa untersagen, auf die Gesprächslaune der Musikerin, die gerne und häufig flucht, näher einzugehen.

Alles normal – mit Bodyguard

Obschon Adele – als Tochter einer alleinerziehenden Mutter in London aufgewachsen – bis dato über 50 Millionen Platten verkauft hat und mit bereits zehn Grammys ausgezeichnet wurde, sieht sie sich immer noch als Durchschnittsengländerin. Allerdings eine, die von einem Bodyguard mit Range Rover begleitet wird. «Meine Karriere ist nicht mein Leben, sondern mein Hobby», erklärte Adele vor wenigen Wochen in einem Interview mit der US-amerikanischen Zeitschrift «Rolling Stone».

Um ihre Stimmbänder zu schonen, die sie 2011 aufgrund von Polypen einer Operation unterziehen musste, ist sie unterdessen bereit, die Finger von den geliebten Zigaretten zu lassen. So viel Kompromissbereitschaft darf sein. Schon früh zeichnete sich Adeles Singbegeisterung ab. Als Teenager gelang es ihr dann, von der renommierten Brit School aufgenommen zu werden. Ein Institut für bildende Künste, von dem auch Amy Winehouse, Katie Melua oder Leona Lewis abgingen. Adele legte beim Studium zwar viel Talent an den Tag, aber auch einen ausgeprägten Hang zur Unpünktlichkeit. Was sie beinahe den Ausbildungsplatz gekostet hätte.

Im letzten Schuljahr postete ein Bekannter drei ihrer Stücke auf MySpace. Das Interesse war derart riesig, dass Adele schon kurz darauf einen Plattenvertrag unterzeichnete. Es war der Startschuss zu einem kometenhaften Aufstieg.

Madonna als Vorbild

Während sich ihre letzte Platte um die noch unverdaute Trennung von ihrem Freund drehte, soll «25» dem definitiven Schritt ins Erwachsenenleben gleichkommen. Der Titel des Albums ist keine Anspielung auf das aktuelle Alter der 27-Jährigen, sondern auf dasjenige, mit welchem sie das Projekt in Angriff nahm. Vorbild fürs Album war «Ray Of Light», das 1998er-Werk von Madonna – das erste nach der Schwangerschaft der New Yorkerin. Adele hat die Musik zum Vorbild auserkoren, um ihr stets fragiles Selbstbewusstsein aufzupäppeln. «25» ist, wie seine beiden Vorgänger, nicht frei von Melancholie. Doch dem Vernehmen nach geht es weniger um tumultartige Gefühle für ihren jetzigen Lebenspartner Simon Konecki, den CEO einer Wohltätigkeitsorganisation, sondern ums Abschiednehmen von einem Leben ohne Kind und Verpflichtungen.

Öffentliche Kritik von Kollegen

Für das Album setzte sich Adele auch mit dem R'n'B-Sänger Bruno Mars zusammen. Die beiden hatten im Kopf, sich an einer Uptempo-Nummer zu versuchen. Doch mit «All I Ask» resultierte eine dramatische Ballade, bei der die Vokalistin mit ihrer Mezzosopranstimme zu wuchten versteht. Angedacht war zudem eine Kollaboration mit Blur-Frontmann Damon Albarn, einem früheren Idol von Adele. Man traf sich, aber verstand sich nicht. Worauf der 47-Jährige gegenüber den Medien verlauten liess, die Sängerin sei unsicher und ihre Lieder durchschnittlich. Angesichts der mehr als nur positiven Reaktionen auf «Hello», der Ende Oktober veröffentlichten ersten Single, dürfte Adele das Gemecker ihres Landsmannes allerdings leicht verschmerzen. Auf YouTube kratzt die rauchige Ballade mit Schmettereffekt bereits an der Schwelle zu 350 Millionen Klicks.

Was kommt nach «Hello»

Mit dem Stück erfindet sich Adele nicht neu, aber sie beweist, dass ihre Stimme an Volumen und Farbe nochmals zugelegt hat. Man darf gespannt sein, ob die anderen zehn Nummern mit der hohen und intensiven Qualität von «Hello» mitzuhalten vermögen. Ob irgendwann eine Tour folgt, ist weiterhin unsicher. Allzu viele Konzerte dürfte Adele kaum geben. Dazu sind ihre Flugangst und ihr Lampenfieber zu gross. Eins ist jedoch gewiss: Der Albtraum der Sängerin, auf die Bühne zu treten und nur fünf Zuhörer im Saal gegenüber zu stehen, wird sich noch lange nicht bewahrheiten.

Adele: «25», XL Recordings/MV, das Album erscheint am 20. 11.

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