Sind St. Gallen wir?

Dem Gallusjubiläum widmet das Museum im Lagerhaus eine besondere Ausstellung mit Werken aus dem Sammlungsbestand. Es handelt sich um Bilder von St. Galler Naiven und Outsider-Kunstschaffenden.

Brigitte Schmid-Gugler
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Nonnen allgegenwärtig: Zwei Werke der St. Galler Künstlerin Hedi Zuber. (Bild: Urs Bucher)

Nonnen allgegenwärtig: Zwei Werke der St. Galler Künstlerin Hedi Zuber. (Bild: Urs Bucher)

Ein gewisses Misstrauen kann man ihrem Blick nicht absprechen: langes Gewand, schwarz, wie die Gestalten in ihrem Rücken, gebeugt stehen sie gegen die Fassade des Klosters. Um sie herum eine Blumenwiese, wie man sie sich schöner nicht denken könnte. Auch auf dem zweiten Gemälde gibt der Klosterhof den Takt an: Uniformierte Musikanten werden von ebenso uniformierten Nonnen umringt; da das Fröhliche, Ausgelassene, dort das Verdeckte, Kontrollierte. Hedi Zuber, geboren im Jahr 1916, muss es gekannt, verinnerlicht gehabt haben. Denn auch auf den weiteren Bildern sind die Klosterfrauen allgegenwärtig. Haben sie sie im Visier, die da inmitten einer Gruppe von winzigen Figuren am Rande des Geschehens steht?

Das Leben gemalt

Zweimal Aussenseiterin, könnte man aufgrund ihrer Kleinwüchsigkeit sagen. Sie hat das Leben in der Stadt aus ihrer Perspektive gemalt, manchmal mit dem spielerischen Element, sich selber «gross» zu fühlen; viel öfter jedoch aus der Sicht der beinahe verschwindenden «Randerscheinung», über deren Geschick andere befanden. Sogar am Tag des Kinderfestes scheint dem Blick der Schwarzgehaubten nichts zu entgehen: Ihre Hauben bilden das Volant von Vorhängen hinter den Fenstern.

Gegenüber von Hedi Zuber, die 1996 starb, zeigt Irma Bonifas ihre Ansichten von der Stadt. Da sind breite, spontane Pinselstriche, die Szenen pulsierend wie das Blut der Malenden. Der Broderbrunnen bedrängt oder verdrängt die UBS; die grünen Nixen erobern die Bank im Sturm; im Hintergrund, fast wie bei Zuber, nur unscharf, eine Gruppe grauschwarzer Figuren. Als ob Irma Bonifas, über dreissig Jahre älter als ihre Künstlerkollegin, die Nonnen zum Parameter für Standortmarketing gekürt hätte: Nur sind es hier eher Pinguine als Nonnen, was, angesichts der sich verändernden Stadtgeschichte, auch nicht ganz falsch ist.

Wunderliche Grammatik

Johann Eugster, Emil Wickle und Jakob Greuter vervollständigen das in der Ausstellung vertretene Quintett. Noch älter als Zuber und Bonifas ist Letzterer, er lebte von 1890 bis 1984, zeichnete und malte mit Vorliebe auf Stoff. Oft schob er, horizontal verlaufend, Sätze in wunderlicher Grammatik ein, die in ihrem Stakkato auch von Ernst Jandl stammen könnten. Seine Illustrationen dokumentieren ein quirliges Leben mit zwar längst geschlossener Metzgerei in der Lachen, aber auch mit einer geradezu genialen Hand für originelle Werbeplakate – der einzige Hinweis, der einen unmittelbar an den Hintergrund dieser Ausstellung erinnert.

Alle lieben Gallus

Ob er damit einverstanden wäre, dass er für so ziemlich alles, was sich auf seinen Namen münzen beziehungsweise reimen lässt, herhalten muss? Gallus. Der Ärmste. Aus der Traum vom schlichten Leben zu Mülenen. Wer in diesem Jahr potenziell mithalten will, nimmt ihn zum Stammesbruder. Sogar dem Museum im Lagerhaus ist der Ortsheilige es wert, ins Archiv zu steigen und in seinem Namen in der Sammlung zu stöbern. «St. Gallen sind wir», heisst die Dauerausstellung. Kein Wunder, schaut Hedi Zuber in ihrem Selbstporträt eher skeptisch. Zu sehen bis ins Jahr 2013.