Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Sind Sie sich selber ein Freund?

Das Theater St. Gallen kombiniert in einem Schauspiel-Tanz-Projekt Max Frischs «Fragebogen I-XI» mit dessen Drama «Biographie. Ein Spiel». Der dreigeteilte Abend wird nach einem schwachen Prolog ganz stark.
Valeria Heintges
Kürmann (Marcus Schäfer, vorne) und die gesichtslosen Spielfiguren seines Lebens: Szene aus «Fragebogen I-XI» am Theater St. Gallen. (Bild: Tine Edel)

Kürmann (Marcus Schäfer, vorne) und die gesichtslosen Spielfiguren seines Lebens: Szene aus «Fragebogen I-XI» am Theater St. Gallen. (Bild: Tine Edel)

Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm. Das wissen nicht nur «Sesamstrassen»-Schauer. Aber mit Fragen kann man einen Menschen auch löchern und quälen. Fragen allein bilden noch keine gute Kommunikation, im Gegenteil: Wer sich nur für seine Fragen und nicht für die Antworten des Gegenübers interessiert, der vereinsamt. In Mario Santis Choreographie von «Fragebogen I-XI» in St. Gallen kehrt sich Frischs «Fragebogen I-XI» plötzlich ins Negative. Was vorher noch wie das lebhafte Interesse eines Neugierigen klang, das tönt jetzt wie die Anklage eines Inquisitors.

Der Schreibstift als Waffe

17 Menschen ziehen über die Bühne. Alle sind mit einem Stift ausgerüstet, schreiben oder malen auf dem Boden, benutzen ihn als Waffe oder als Maulsperre. Ziellos bewegen sie sich vorwärts, fallen hin, stehen wieder auf, fallen erneut. Einsame sind das, Vereinzelte. Eindrücklich bedrängend hat Marco Santi ihre Irrwege choreographiert. Dieser zweite Teil des Abends «Fragebogen I-XI», der am Freitag in der Lokremise Premiere feierte, ist ganz Tanz, ganz Bewegung. Die Fragen, die Frisch in seinen Tagebüchern sich und den Lesern stellt, schwirren durch den Raum: «Ist es Ihnen schon gelungen, die eigenen Kinder kennenzulernen?» «Wem wären Sie lieber nie begegnet?» «Wissen Sie in der Regel, was Sie hoffen?» Manchmal hört man nur Bruchstücke: «Gesetzt den Fall», «Möchten Sie?» oder: «Was?»

Büromenschen mit Langeweile

Diese Fragen haben die Zuschauer zuvor schon einmal gehört. Denn der Abend wird mit einem Prolog eingeleitet. Ein riesiger Tisch, an dem sechs Büromenschen sitzen. Einer mit Pfeife und Pullunder soll den Autoren darstellen. Sie scheinen sich alle zu langweilen, lassen ihre Fragen wie Gedankensplitter fallen. Derweil lesen sie Zeitung, schreiben an der Maschine, füllen Wasser in Gläser, schlagen verzweifelt die Zeit tot. Mal spielen sie Instrumente, singen zuweilen. Doch der Zusammenhang zwischen ihrem Tun und den Fragen erschliesst sich kaum, ist auch mal so platt, dass zu einer Frage über Tiere alle miauend und bellend unterm Tisch sitzen oder solche zu Heimat mit einem Schirm mit Schweizer Fähnchen illustriert werden. Zudem prasseln die Fragen viel zu schnell, als dass der Zuschauer über die Antwort nachdenken könnte. Oder sie sind so schlecht gesprochen, dass man sie schlicht nicht versteht. Es ist, als würde Roderik Vanderstraeten, von dem das Konzept stammt, weder seinen eigenen Ideen noch Frischs Text vertrauen. Der Teil dauert zum Glück nur 35 Minuten.

Und er hat immerhin den Vorteil, dass man nach einer kurzen Pause vor dem zweiten Teil im anderen Raum der Lokremise die Fragen fast alle schon kennt – und sich so auf Santis Choreographie konzentrieren kann. Weil eben Fragen allein noch keine Kommunikation ausmachen und wohl allein auch keinen Theaterabend füllen, haben Regisseurin Katja Langenbach und Dramaturgin Karoline Exner für einen dritten Teil nach Prolog und reinem Tanz eine stark gekürzte Fassung von Frischs Schauspiel «Biographie. Ein Spiel» genutzt, das sie mit Fragen und Tanz durchsetzen. Der Verhaltensforscher Hannes Kürmann würde sicher Frischs Frage: «Sind Sie sich selbst ein Freund?» verneinen. Er erhält die Chance, seinem Leben an frei wählbaren Punkten eine andere Wendung zu geben und so seine Biographie zu ändern. Kürmann will vor allem seine Beziehung zu seiner zweiten Frau Antoinette streichen und den Abend ihres Kennenlernens gar nicht erst in eine Verbindung münden lassen.

Tribunal der Doppelgänger

Jetzt zeigt sich, wie genial Julia Ströder die Kostüme gewählt hat: Sie hat allen Frauen schulterlanges, braunes Haar, blau gemusterte Kleider und hohe Schuhe verpasst – und sie so zu Doppelgängerinnen Antoinettes gemacht. Die Männer sind in beige-braun-grünen Anzügen Kürmanns Ebenbilder. Sie sind unterscheidbar – und sich doch zum Verwechseln ähnlich.

Das Ensemble wird so zum Tribunal für Kürmann, das ihn siebenfach gespiegelt mit den Auswirkungen seiner Entscheidungen konfrontiert. Es stellt sich nämlich bald heraus, wie schwer es ist, sein Leben zu ändern. Kürmann tritt in die Partei ein, um nicht Professor werden zu müssen? In dem Moment ist das Entscheidungsgremium plötzlich tolerant. Nach der Nacht, in der er seine zweite Frau kennenlernt, tauschen sie keine Nummern aus? Die Eifersucht macht Kürmann fast verrückt.

Bald schon ist der Spielleiter, der im weissen Kittel das Experiment überwacht und steuert, genervt: Will Kürmann nun ändern, will er nicht? Und vor allem: Steht er zu seinen Entscheidungen?

Wer bin ich? Wie wurde ich, der ich bin? Hätte ich ein anderer sein können? Frischs Lebensthemen werden im zweiten und dritten Teil dieses Theaterabends spielerisch, unterhaltsam und berührend behandelt. Dank einer durchdachten Regie und einer kreativen Choreographie, die von beeindruckenden Tänzern und Schauspielern gekonnt umgesetzt werden.

Erotisch-flirrender Tanz

Genannt sei vor allem das erotisch-flirrende Pas-de-deux von Sandra Klimek und Alexandre Gilbert, der gewitzt-intelligente Spielleiter von Oliver Losehand, Diana Dengler als seine ergeben-kantige Assistentin, Meda Gheorghiu-Banciu als selbstbewusste Antoinette und Marcus Schäfer als getrieben-verzweifelter Kürmann. Langer Applaus.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.