«SILVER»: «Wir haben noch längst nicht alles gesagt»

Die Hardrock-Band Gotthard feiert ihr 25-Jahr-Jubiläum mit einem neuen Album, das heute erscheint. Gitarrist Freddy Scherer und Bassist Marc Lynn über Selbstkritik, fliegende Fetzen und den Tod ihres früheren Leadsängers Steve Lee.

Michael Gasser
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Die Tessiner Band Gotthard mit Bassist Marc Lynn (ganz links) und Gitarrist Freddy Scherer (ganz rechts). (Bild: Ennio Leanza/KEY)

Die Tessiner Band Gotthard mit Bassist Marc Lynn (ganz links) und Gitarrist Freddy Scherer (ganz rechts). (Bild: Ennio Leanza/KEY)

Interview: Michael Gasser

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@tagblatt.ch

Gotthard feiert das 25-jährige Bandjubiläum mit einem neuen Album, «Silver». Wie hält man seine Musik nach all dieser Zeit noch frisch?

Scherer: Aus unserer Sicht geht’s eher um die Frage, ob musikalisch alles gesagt ist. Bei Gotthard ist das noch längst nicht der Fall. Die Welt ändert sich konstant und mit ihr der Sound. So kommen immer wieder neue Einflüsse zustande. Musik lässt sich stets frisch anbieten. Das hat viel mit Freude zu tun. Und diese haben wir uns bewahrt.

Der Albumtitel spielt auch auf das silberne Hochzeitsjubiläum an. Wie viel hat das Bandleben denn mit einer langjährigen Ehe gemeinsam?

Scherer: Sehr viel. Nicht zuletzt das zwischenmenschliche Element. In der Band hast du aber nicht nur ein, sondern gleich mehrere Gegenüber. Verglichen mit einer Ehe ist das Bandleben einfacher und schwieriger zugleich. Wenn wir auf Tour sind, stecken wir während 24 Stunden zusammen. Doch egal, wie toll sich das auch anfühlen mag, irgendwann kommt der Tag, an dem du die Schnauze voll hast. Doch sobald du die Bühne siehst und der Soundcheck ansteht, ist die Motivation zurück.

Nach Tourschluss ist man aber sicher froh, vorübergehend mal getrennte Wege gehen zu können.

Lynn: Schon, aber höchstens drei Wochen. Letztes Jahr konnten wir uns allerdings nicht entscheiden, welche Richtung wir mit der nächsten Platte einschlagen sollten. Also haben wir erstmals in unserer Bandgeschichte eine zweimonatige Pause eingelegt. Damit jeder seinen Kopf leeren und frisch zurückkommen kann. Das hat gewirkt.

Ist man denn nach einem Vierteljahrhundert noch offen für neue Sounds?

Scherer: Als Musiker bist du eine lebendige Bibliothek. Alles, was du hörst oder aufschnappst, nimmst du auf. Selbst wenn du während der Arbeit an Songs kaum andere Musik hörst, bist du rechts und links Einflüssen ausgesetzt. Wir überlegen uns weniger, was wir wollen. Wir machen einfach. Lynn: Ein tolles Lied entsteht nicht innerhalb weniger Minuten. In der Regel ist ein monatelanger Prozess nötig, während dem wir uns alle tagtäglich im Studio mit einem Track beschäftigen. Und zu Hause geht’s dann meist noch weiter. Nicht zuletzt, um den anderen am nächsten Tag eine neue Idee präsentieren zu können. Das ist eine intensive, aber auch höchst kreative Phase. «Silver» sollte sich klanglich zwischen unseren beiden letzten Platten «Firebirth» und «Bang» einordnen und zusätzlich den Sound der 1970er-Jahre aufblitzen lassen.

Fliegen bei Gotthard denn auch bisweilen die Fetzen?

Scherer: Wir sind schon zu lange zusammen, um noch gross um den Brei herumzureden. Wir verkraften und schätzen diese Direktheit. Über Musik zu diskutieren, ist stets emotional. Wenn die anderen eine meiner Songideen als Mist bezeichnen, dann trifft mich das. Das ist nur normal. Lynn: Die Erfahrung zeigt, dass, sobald ein Stück uns alle berührt, dann berührt es auch die Fans. Es lohnt sich also, möglichst selbstkritisch vorzugehen. Bei «Silver» bin ich mit drei Liedern ins Studio gekommen und alle drei wurden abgelehnt. Das einzige, was ich nachher noch in petto hatte, war eine Idee für einen Lick. Und innerhalb weniger Stunden entwickelten wir daraus einen Song, hinter dem wir alle stehen können.

2010 ist Steve Lee, euer damaliger Frontmann, ums Leben gekommen. Was hat Gotthard mit ihm verloren?

Scherer: Sehr viel. In erster Linie einen tollen Menschen. Steve Lee war ein charismatischer Typ und ein musikalisches Genie. Er war ein grosser Teil von Gotthard, vielleicht sogar der grösste. Als wir uns nach reiflicher Überlegung zum Weitermachen entschlossen hatten, wollten wir nicht mehr zurückschauen, sondern das erste Kapitel unserer Band schliessen und auf die Zukunft fokussieren.

Euer neuer Leadsänger Nic Maeder gehört nun bereits seit fünf Jahren zu Gotthard.

Scherer: Und es funktioniert. Sowohl auf menschlicher als auch auf musikalischer Ebene. Das ist das A und O. Nic hat das gebracht, was wir uns von ihm erhofft haben. Er ist Schweizer, liebt die Musik, schreibt Songs, ist ein exzellenter Sänger und teilt unsere Vorliebe für Bands wie AC/DC.

Seit eurer zweiten Platte haben es alle eure Studioalben auf Platz 1 der Schweizer Charts geschafft. Wie gross ist der Druck, das auch mit «Silver» zu schaffen?

Lynn: Wir verspüren keinen Druck, sondern Hoffnung. Natürlich würde es uns freuen, wieder Platz 1 zu erreichen. Doch das ist alles andere als selbstverständlich. Irgendwann wird diese Serie reissen, es aber wäre schön, wenn sie noch ein wenig anhielte.

Gotthard: «Silver» (G. Records/Musikvertrieb)

www.gotthard.com